filmforum - Berlinale 2002

Forum | Panorama | Wettbewerb | Special
>>>>> Fulltime Killer - Palumu No Ki - Jochen-Ein Golzower aus ... - Geschichten aus dem Lepratal


Durchchoreografierte Schießereien

FULLTIME KILLER
von Johnnie To und Wai Ka-Fai

von Iris Munt


 
Die Geschichte ist bekannt: Wieder einmal versucht ein Newcomer dem unumstrittenen Gangster-König seinen Rang abzulaufen. Zwischen beiden eine Frau: Chin (Kelly Lin) - eine klassische Dreiecksgeschichte kombiniert mit einem Gangster-Duell zwischen dem gefragtesten Auftragskriminellen Asiens namens O (Takashi Sorimachi) und seinem Herausforderer Tok (Andy Lau), Fulltime-Killer Hongkongs, der in ganz Asien im Einsatz ist. O wird gejagt von Lee, Chefinspektor bei Interpol (Simon Yam). Wie schon in Running Out of Time (1999; R: J. To), aber anders, wird der Cop für die Zwecke des Killers einspannt. Und wie schon in Running Out of Time spielt gegen einen der beiden Gangster, Tok, eine gefährliche Krankheit.

Im neuen Film von Johnnie To und Wai Ka-Fai wird mit Leichtigkeit getötet: »Killing is easy.« Tok tötet lakonisch, er erledigt es beiläufig. Töten ist eine saubere Sache und tut nicht weh. Tok trifft immer, die Bullen dagegen nie - Gewalt fast wie aus einem Cartoon. In Toks Gesicht scheint ein Lächeln gefräst wie dasjenige von Alex in A Clockwork Orange - gleich einer Maske, glatt, zynisch, weil ihn das Leben (anderer) ungerührt lässt. Ihn interessiert nur das »excitement«. Doch im Unterschied zu Kubrick verzichtet das Filmerteam aus Hongkong auf explizite Medienkritik und den moralischen Zeigefinger. Unser Leben, so heißt es im Film, sollte so spannend sein wie ein Film. Fulltime Killer will in erster Linie gefallen. Das Publikum weiß sich stilsicher und elegant unterhalten durch die Werkstatt Johnnie Tos, denn, wie dieser erklärte: »Film ist eine kommerzielle Kunst. Ohne Publikum gibt es keine Leinwand, auf der der Künstler sein Handwerk unter Beweis stellen könnte.«

Showtime. Das Reale interessiert hier nur, insofern es ins Irreale, Mythische kippt.
Es ist nicht der Film, der einer Ästhetik hinterher läuft oder von ihr motivationslos zugedeckt, ja darunter erstickt wird, weil er durch sie zu Leblosigkeit erstarren würde, sondern die Ästhetik wird aus der Hauptfigur geboren, die den Filmen hinterher läuft: Tok. Dieser will ein Leben wie im Film, schöner noch: Sein Leben soll ein Film werden. Er arbeitet an seiner eigenen Legende. Dazu muss er die Nummer 1 werden, und das sollen auch alle wissen. Deswegen inszeniert er seine kriminellen Taten, ja er zelebriert sie beinahe. In einer Szene tut er dies explizit für die Kamera seines Gegenspielers, vor der er sich verbeugt. Seine Vorbilder sind die Leinwandhelden der Actionfilme, zum Beispiel der legendäre Superkiller Freeman, Sohn des Drachen aus einem Videospiel. Auch Tok killt wie in einem Videospiel, mit hoher Trefferquote. Weil Fulltime Killer das Denkmal repräsentiert, das er sich setzt, sind nicht wenige Szenen direkt angelehnt an sein Idol Crying Freeman (1995; R: Christophe Gans) - nach dem gleichnamigen Comic - bis hin zu der optischen Wandlung der Protagonistin, die sich in beiden Filmen auf die Seite der Killer stellt. Wo hier ein Blumengesteck das todbringende Gewehr tarnt, verbirgt es dort ein tödliches Messer. Wo hier Blütenblätter in einer Gewaltarie wie Konfetti zu einem Fest durch die Luft fliegen, durch das in Zeitlupe tötenderweise Tok tanzt, fliegen dort die Daunen. In beiden Filmen entzieht sich der jeweils von der Frau geliebte Held zum Schluss dem Killerdasein durch einen fiktiven vorgeblichen Tod, um seine Liebe leben zu können. In Fulltime Killer wählt O damit die Freiheit in der Nicht-Existenz, und Tok bekommt, was er immer wollte: die Unsterblichkeit im Ruhm. Oder war es doch anders? Was ist wahr und was unwahr?

Diese Haltung beider Gangster strukturiert auch ihr Verhalten im Film. Während O nämlich lieber verdeckt bleibt und selbst noch die Begehrte lieber incognito in einer Art hitchcockschem Voyeurismus aus der Ferne betrachtet - und dabei ähnlich L. B. »Jeff« Jeffries in Rear Window (1954) einen Mord, dem er mit dem Fernglas auf die Schliche kommt, nicht verhindern kann -, outet sich ersterer ihr gegenüber ohne Umschweife gleich als Killer. Agiert O im Geheimen, so schwingt sich Tok zum Medienstar auf. Entsprechend sorgt letzterer auch für das Showdown seiner eigenen Geschichte, sein großes Finale, nachdem er zuvor Detective Lee in die Rolle seines Chronisten getrieben hat: »Everyone comes to this world with a role to play«. Weil ein Autor ein Ende braucht, überliefert Lee uns eines. Aber am Schluss zweifelt er selbst an seiner Wahrnehmung. Wie das Kino in Johnnie Tos Fulltime Killer auf das Leben seiner Helden übergreift, so hat das Universum des Films auf uns übergegriffen, und wir verlassen das Kino mit dieser seltsamen Benommenheit, die uns einen anderen Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit werfen lässt.

Johnnie To arbeitet in Fulltime Killer wieder mit dem Produzenten und Drehbuchautor Wai Ka-Fai zusammen. Ihrer gemeinsam mit Gary Chan Chi Kwong 1996/97 hochgezogene Produktionsfirma Milkyway Image gelang es, die auf die Wiedervereinigung mit der Volksrepublik China folgende und durch den Druck Hollywoods verschärfte Depression der Hongkonger Kinoindustrie zu überdauern. Milkyway Image Productions markiert eine Wende im Schaffen Tos hin zu persönlicheren Filmen. Hohe technische Standards verbinden sich hier mit filmischer Qualität und ausgeklügelten Drehbüchern, wenn auch auf kommerzielle Produktionen neben künstlerisch eigenwilligeren nicht völlig verzichtet werden kann. Hier entstanden Filme wie The Mission, Where a Good Man Goes (1998) und Running Out Of Time (1999), virtuos erzählt unter der Regie von Johnnie To Kei-Fung. Der 1955 geborene, äußerst produktive Filmemacher, der sich nach seinen Lehrjahren beim Fernsehsender TVB Hongkong vom Fernsehbetrieb abwandte und sich seit der 2. Hälfte der 80er Jahre zunächst einen Ruf als guter Handwerker der Hongkonger Kinoindustrie in Genres wie Gangster- und Martial-Arts-Filmen sowie Nonsense-Komödien machte, gilt seit 1997 als einer der interessantesten Autorenfilmer der ehemaligen britischen Kronkolonie. Nach einer, wie er es nennen würde, »Auszeit« bei dem Giganten China Star Entertainment, feiert er nun mit Fulltime Killer sein Comeback.
 

Quan Zhi Sha Shou / Fulltime Killer
  16.2./24:00 Delphi
  17.2./14:00 CineStar 8
  17.2./21:30 CineStar 8
 

nach oben
Forum | Panorama | Wettbewerb | Special
>>>>> Fulltime Killer - Palumu No Ki - Jochen-Ein Golzower aus ... - Geschichten aus dem Lepratal
© filmforum 2002