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Auf dem Rand einer Badewanne sitzt ein nackter Mann. Seine Hände sind Stümpfe. Zwischen den einzelnen Fingern ist gerade noch so viel Platz, um eine Zigarette zu halten. Das Gesicht des Mannes ist entstellt: die Nase und der Mund sind verschoben, bereits seit langem ist der Mann erblindet. Ob man ihm beim Waschen helfen soll? fragt eine Krankenschwester. Nein, erwidert der Mann, das könne er selbst. Solange er sich selbst waschen kann, fühle er sich nicht wirklich krank.
1928 wurde im rumänischen Dorf Tichilesti auf den Grundmauern eines verlassenen Klosters ein Krankenhaus für leprakranke Menschen errichtet. Kein Mensch weiß, weshalb ausgerechnet inmitten des Donaudeltas, im südöstlichen Rumänien zwischen Galati und Tulcea, die »schwarze Krankheit« ausbrach. Fest steht, dass die Armut in der Region groß war und noch immer ist. Und ärmliche Lebensumstände begünstigen die Ansteckung. Heute leben noch 28 Patienten im Hospital. Viele von ihnen sind weit über 70 Jahre alt und haben ihr ganzes Leben in Tichilesti verbracht. Betreut werden die Patienten von Ärzten und Pflegern, aber auch von Menschen aus den umliegenden Dörfern, die im Hospiz Obst und Gemüse verkaufen, oder den Patienten die Haare scheiden. Die Besucher haben keine Angst vor der »schwarzen Krankheit«. Man trinkt gemeinsam aus einem Glas, küsst sich zum Abschied, oder tanzt sich den Kummer der Armut gemeinsam von der Seele. Als der Dokumentarfilmer Andrei Schwartz zum ersten Mal nach Tichilesti kam, war sein Eindruck, dass die Menschen dort leben wie in »Hundert Jahre Einsamkeit«: Abgeschieden und vergessen, ferngehalten vom Rest der Welt wie die Armut Rumäniens an den Grenzen der EU.
Von bunten Reklametafeln lächeln ‚makellose’ Gesichter herab. In zahllosen TV-Gesundheitsmagazinen werden Tipps gegeben, wie man sich vor Krankheiten schützt, von denen man zuvor noch niemals gehört hatte. In den Grenzen der EU scheint das Maß des apollinischen Körpers Diktat zu sein. Alles was »hässlich« ist, entstellt oder krank - alles, was an den Tod erinnert, erscheint entweder nur in Grusel-, Horror-, oder Kriminalfilmen oder auf den Seiten der Todesanzeigen hiesiger Tageszeitungen blättert man den Gedanken daran schnell weiter. Krank oder tot, das sind immer die anderen.
Andrei Schwartz nähert sich den Patienten von Tichilesti unprätentiös: er zeigt ihre körperlichen Missbildungen, aber stellt sie nicht aus. Man überwindet sich, um in die entstellten Antlitze der Kranken blicken zu können. Ist das mediale Ideal einer körperlichen Unversehrtheit nicht ebenso entstellend wie die Spuren einer Krankheit den Körper ‚aus der Form’ bringen? Und wie sehr haben die Medien bereits die Vorstellung vom ganzheitlichen, eigenen Körper geprägt? Wer es schafft in die Gesichter der Kranken von Tichilesti zu blicken, bemerkt vielleicht, dass er hierbei - wie auch die Kranken selbst - sein Gesicht bewahrt.  
Geschichten aus dem Lepratal
  14.2./21:30 CineStar 8
  15.2./16:30 CineStar 8  
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