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Die Mimik eines Eisbären

JOCHEN - EIN GOLZOWER AUS PHILADELPHIA von Barbara und Winfried Junge

von Martina Jungfleisch


Eine ca. 55jährige alte Dame sitzt hinter einer Nähmaschine. Auf einem Regal hinter ihrem Rücken stapeln sich monochrom und unauffällig ein paar Kleidungsstücke. Die Frau selbst trägt eine altmodische, blau gemusterte Kittelschürze. Ihre dicken, aufgedunsenen Hände scheinen für die filigrane Arbeit an einer Nähmaschine nicht geeignet. Im Gesicht der Alten prankt eine großformatige Brille. Die Augen dahinter sind maulwurfsgroß.

»Ja, sie sei schon überrascht gewesen, dass aus ihrem Sohn etwas geworden ist«, antwortet die Frau einem Interviewer, der ihr gegenüber sitzt. Als man Jochen, ihren Sohn, für einen DEFA-Film (Wenn ich erst zur Schule gehe, 1961) ausgesucht habe, habe sie sich schon gewundert. Damals hielt sie Jochen für einen »kleinen Trottel«. Aber jetzt, wo ihr Sohn erwachsen ist, habe sie festgestellt, dass er arbeiten könne, dass er etwas zustande bringt und ein lieber Mensch sei, erzählt die Mutter von Jochen, Berta Teich.

Die Kamera schwenkt zur Seite, das Material wechselt von 35mm ins poröse DV-Format. Aus den Lautsprechern eines Fernsehapparates hallen die Worte von Berta Teich dumpf verzerrt wider. Auf einem Wohnzimmersofa sitzt Jochen Teich, jetzt ungefähr doppelt so alt wie zum Zeitpunkt, als seine Mutter von den DEFA - Dokumentarfilmern Winfried und Barbara Junge für das Langzeitprojekt über die Chronik der Kinder von Golzow interviewt wurde. Das war 1983.

Wie fühle er sich, wenn er die Worte seiner Mutter nach so vielen Jahren wiederhört? fragt Winfried Junge den nunmehr über 40jährigen Jochen Teich und schiebt sogleich die quälende Frage hinterher, ob er über die Worte der Mutter nicht gekränkt sei? Jochens Mimik bleibt unverändert und ist beinahe so steinern wie sein voluminöser Körperumfang Bewegungslosigkeit suggeriert. Aber da ist noch immer der schmale Mund, die kleinen Augen und das große, breite Gesicht, - noch immer glaubt man im Antlitz des gealterten Mannes den verschmitzten Gesichtsausdruck des fünfjährigen Knaben zu erkennen, der in Winfried Junges Wenn ich erst zur Schule gehe auf der Schulbank sitzt und mit den Fingern in der Luft tänzelnd, versucht, eine Rechenaufgabe zu lösen.

Teich antwortet dem Dokumentarfilmer, dass ihn das, was seine Mutter über ihn gesagt habe, nicht verletze, überhaupt nicht! Teichs Gesichtsausdruck bleibt gelassen: Man versteht, weshalb Winfried Junges Chef-Kameramann Hans Dumke einmal gesagt hatte, dass Jochen die »Mimik eines Eisbären« habe. Junge, damals noch Debütant bei der DEFA, verließ sich auf den Eindruck von Dumke und verwarf den Plan, Jochen in das Filmprojekt über die Chronik der Kinder von Golzow einzubeziehen. Jochens Spuren verloren sich ohnehin, weil die Eltern nach Bernau übergesiedelt waren.

Sechs kurze Filme dokumentierten von 1961 bis 1975, wie einige Kinder aus Jochens ehemaliger Schulklasse, heranwuchsen. Aber Winfried Junge ließ das »dicke Gesicht« von Jochen nicht mehr los. 1971 nahm der Filmemacher mit seiner Frau Barbara, Jochens Spuren in Bernau wieder auf. Ab diesem Zeitpunkt begann das Ehepaar, Jochens Leben in kontinuierlichen, wenn auch unregelmäßigen Abständen zu dokumentieren: Lehrzeit als Melker, Grenzsoldat, frühe Heirat, Geburt der Kinder und schließlich die Wende 1989.

Jochen Teich betrachtet sein vergangenes Leben auf Video. Seine Reaktion auf die alten Filmaufnahmen ist die Grundlage für eine neue Episode aus dem Leben der ehemaligen Golzower Schulkinder. Wie fühlt sich Teich, wenn er auf sein Leben zurückblickt? Winfried Junge hält eine DV-Kamera auf Jochens Gesicht, das Gesicht, das dem Zuschauer nach 119 Filmminuten ‚Lebenslauf in Zeitraffer’ vertraut wie ein Verwandter erscheint. Viel tut sich aber nicht in Jochens Antlitz, und das, was Jochen auf die Fragen von Winfried Junge antworten soll, weiß er auch nicht. Überhaupt habe ihn die Filmerei in all den Jahren gestört, vor allem die »blöden Fragen« von Winfried Junge. Jochen weiß nicht so genau was das eigentlich alles soll? Weshalb man seinem Leben Aufmerksamkeit schenkt?

Das fragt man sich als Zuschauer zuweilen auch selbst. Was ist interessant an einem Menschen, der scheinbar gar nichts zu erzählen hat? Einer, der auf Fragen, die man ihm stellt, ob in der Schule, in der Lehre, oder als Wehrdienstleistender - und auch zuletzt als Jochen Teich auf dem Wohnzimmersofa - nie zu antworten weiß? Einer, der phlegmatisch immer nur ein und denselben Weg zu verfolgen scheint - denn »ändern könne man ja eh nischt«?

Doch, dann sind da Geschichten, die sich am Rande der Lebens-Chronik erzählen, ganz beiläufig und unscheinbar: die Tatsache, dass Jochen als Grenzer mit einem schweren Herzfehler nach Hause zurückkehrte, dass er aufgrund mangelnden Ungehorsams und wegen Disziplinlosigkeit gegenüber dem Staatsapparat Probleme hatte, dass er niemals in die SED eingetreten war, obwohl er der Sohn eines Landwirtschaftsfunktionärs war, dass Jochen überhaupt immer Ärger hatte, weil er überall störrisch war - aneckte, weil er nicht antworten wollte, eben nicht ‚funktionieren’ wollte.

Und wenn Jochen nun auf dem Sofa sitzt und man seinen Ausdruck im Gesicht mit den Gesichtszügen vor 1989 vergleicht, dann spürt man den eisigen Wind der Wende: Jobverlust, Kampf um den Besitzanspruch des Hauses in Bernau, die Resignation gegenüber politischen Verhältnissen. Jochen Teich muss also gar nicht viel antworten oder erklären, - die Chronik der Junges spricht für sich selbst. Sie lässt objektiv und unsentimental hinter die Maske des Eisbären blicken.
 

Jochen - ein Golzower aus Philadelphia
  14.2./16:15 Delphi
  15.2./15:30 CinemaxX 3
  15.2./22:00 Arsenal
  16.2./14:00 Babylon
 

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