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Die ersten drei Minuten sind frappant. Ein Mann und eine Frau kleiden sich an. Sie sind in Eile. Im Fahrstuhl, der sie hinunterbringt, stehen sie Rücken an Rücken. Vielleicht, weil die Enge sie dazu zwingt. Vielleicht, weil sie einander nicht ansehen wollen. Während sie mit dem Auto durch die nächtlichen Straßen fahren, wechseln sie kein Wort. Plötzlich läuft eine Frau direkt auf das fahrende Auto zu. Sie wird von drei Männern verfolgt. Sie bittet um Einlass, doch der Mann verriegelt alle Türen. Die beiden Insassen sehen mit an, wie die Frau verprügelt wird, gar mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geschlagen wird. Die Männer malträtieren die junge Frau weiter, doch das Ehepaar greift nicht ein. Erst als die Männer verschwunden sind, steigt der Mann aus. Statt nach der Frau zu sehen, versucht er das Blut von der Scheibe zu wischen. Er steigt wieder ein und fährt davon. Die Frau will die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Der Mann fragt »Wieso?«. Wegen dem Mädchen, antwortet die Frau, und er erwidert lapidar: »Welches Mädchen?«. Sie fahren in eine Waschstraße, um die Spuren zu beseitigen. Der Vorspann beginnt.
Coline Serreaus Einführung ist skizzenhaft und gleichsam meisterlich. In nur wenigen Zügen gelingt es ihr, den Ausgangspunkt ihres Films zu umreißen. Ein Drama könnte beginnen. Aber dann verändert der Film seinen Grundton. Eine Art Ehekomödie entsteht. Es wird amüsant. Die Schwiegermutter taucht auf, wird an der Haustür abgespeist. Das Ehepaar ist unentwegt in Eile und die Beziehung regeln sie zumeist über das Mobiltelefon. Die brutale Eröffnungssequenz ist beinahe vergessen, als die Zeugin Schuldgefühle quälen und sie das Opfer im Krankenhaus besucht. Das Mädchen liegt im Koma, und die Frau will ihr helfen.
Chaos ist ein buchstäblich chaotischer Film. Zunächst verstört er, dann amüsiert er, dann wird er wieder gewalttätig - die Männer stellen der jungen Frau weiter nach - und dann wird er erneut komisch. Das Chaotische bezieht sich, aber nicht so sehr auf differenten Rezeptionsmomente, als vielmehr auf den jeweiligen Erzählgestus. Während die Gewaltszenen bewusst realistisch gezeichnet sind, wird der komische Ton eher durch eine artifizielle Verschiebung erzeugt. Der Humor ist kein natürlich gewachsener, er ist exakt pointiert und künstlerisch aufgewertet. Daher stoßen sich die unterschiedlichen Filmabschnitte derart ab, dass man als Zuschauer zunehmend verunsichert oder schlimmer ablehnend dem Film gegenübertritt. Dieser Eindruck wird durch die einzige Rückblende des Films noch verstärkt.
Als die junge Frau aus dem Koma erwacht und kurze Zeit darauf wieder sprechen kann. Erzählt sie ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Vergewaltigungen, Drogen und Prostitution sind die Stationen ihrer Jugend. Vor den Männern ist sie wiederholt geflüchtet. Jetzt wollen sie Geld von ihr, das sie von einem Millionär bekommen hat.
Diese Rückblende wirft den Zuschauer aus dem übrigen Film hinaus. Weil sie wie ein Fremdkörper in dem ohnehin ambivalenten Film erscheint und die Ambivalenz noch potenziert. Neben den unzähligen Schlägen und Vergewaltigungen darf sie in ihrem kurzen Leben noch an der Online-Börse Erfolg haben und schöne Kleider tragen. Die groteske Komik paart sich mit Szenen voller authentischer Gewalt. Wirklich begeistert kann der Zuschauer von der Verquickung nicht sein.
Am Ende offeriert der Film sein wesentlichstes Thema. Eine letzte Kamerafahrt zeigt die vier Frauen des Films auf einer Bank am Meer im gleißenden Sonnenlicht sitzen. Vier Generationen sitzen nebeneinander. Die Zeugin, das Opfer, die Schwester des Opfers und die Schwiegermutter der Zeugin. Mutter und Töchter vereint. Die krankenhäusliche Pflege der Zeugin entpuppt sich im Nachhinein als Übernahme einer Mutterfunktion, die später das Opfer für ihre kleine Schwester übernimmt, weil ihr das gleiche Schicksal droht. Weil die Ehe der Zeugin auseinander bricht, sucht sie einen Ersatz, den sie nur unter Frauen bzw. ohne Männer finden kann. Männer sind in diesem Film gewalttätig, einfältig oder berufstätig. Ihr Gefühlsleben indes ist unbestimmt. Am Ende bleiben nur die Frauen und Mütter. Doch selbst dieser Diskurs des Weiblichen erscheint am Ende fraglich. Das gleißende Licht am Strand gleicht einer filmischen Idylle. Es kompensiert aber weder die Gewalt noch die Komik des restlichen Films.  
Chaos
    9.2./22:30 CinemaxX 7
  10.2./14:30 CineStar 3
  11.2./20:15 CineStar 3
  17.2./17:00 International  
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