filmforum - Berlinale 2002

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Food of Love


Der Klavierspieler

FOOD OF LOVE von Ventura Pons

von Frank Noack


Paul (Kevin Bishop) ist 18 Jahre alt und Klavierschüler, und er hat allen Grund, nervös zu sein. Ihm steht ein großer Auftritt bevor, er darf bei einem Konzert, das der Pianist Richard Kennington (Paul Rhys) in San Francisco gibt, die Noten umblättern. Richard ist nicht irgend ein Pianist. Seit zehn Jahren ist er Pauls Idol. Der Junge besitzt sämtliche CDs, die der Meister jemals aufgenommen hat. Als Paul die Garderobe von Richard betritt, erhält er sofort ein Kompliment: »You are the best-dressed page turner I’ve ever seen«. Paul freut sich. Später wird er solche Komplimente hassen, denn er möchte nicht nur Noten umblättern, sondern spielen. Und nebenbei hat er noch ein kompliziertes Privatleben.

Ventura Pons, der 56-jährige katalanische Regisseur, präsentiert seit 1998 jedes Jahr einen Film auf der Berlinale: CARÍCIES machte den Anfang, es folgten AMIC/AMAT, MORIR (O NO) und ANITA NO PERD EL TREN. Für FOOD OF LOVE hat er erstmals in englischer Sprache gedreht und auf diesem riskanten Wege seinen bislang besten Film zustandegebracht. FOOD OF LOVE könnte man gut mit Michael Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN zusammen als Double-Feature zeigen, denn auch hier wird der Beruf des Musikers ernst genommen, es geht um Nuancen, nicht um Applaus oder Reichtum. Pons’ Vorlage, der Roman »The Page Turner« von David Leavitt, kann vielleicht sprachlich nicht ganz mit Elfriede Jelineks Vorlage zu Hanekes Werk mithalten, aber das fällt bei der vorzüglichen Leinwandadaption kaum ins Gewicht.

FOOD OF LOVE ist ein mustergültiger Künstlerfilm, halb Farce, halb Drama, voller stilistischer Brüche und letztlich doch eine runde Sache. Es gibt gefällige Momente, mit denen man seine Tante aus Buxtehude erfreuen kann, und zugleich gibt es auch Tabuverletzungen. Ventura Pons darf nicht länger ein Geheimtipp bleiben. Sein Werk ist genauso interessant wie das seiner Landsleute Pedro Almodóvar, Bigas Luna und Julio Medem.

Auf einer Handlungsebene geht es in FOOD OF LOVE um einen jungen Mann, der Klavierspieler werden will. Pauls Mutter Pamela (Juliet Stevenson) findet ihn genial, wahrscheinlich nur, weil er ihr Sohn ist. Die Lehrerin Novotna (Geraldine McEwan) unterstützt ihn, gibt ihm allerdings später zu verstehen, dass er den Beruf wechseln sollte, weil er so gut gar nicht sei. Wie kam es zu dem Absturz von der großen Hoffnung zum Dilettanten? Durch die Liebe. Paul ist intensive emotionale und sexuelle Beziehungen eingegangen und verspürt deshalb kein Interesse mehr daran, seine Gefühle mit Musik auszudrücken. Die Musik war eine Ersatzbefriedigung; als »the real thing« in Erscheinung trat, wurde der Ersatz überflüssig. Vielleicht muss man ein Gefühlskrüppel sein, um in der Kunst Großes zu vollbringen. Der Mann, der Paul um den Verstand gebracht hat, ist Richard. Die beiden treffen sich in Barcelona wieder, der Geburtsstadt von Ventura Pons. Hier macht Paul mit seiner Mutter Pamela Urlaub, während Richard ein Konzert gibt. Der naive Fan und sein weltmännisches Idol haben Sex und eine kurze Affäre. Paul nimmt die ganze Sache ernster als Richard, der sich bald bedrängt fühlt.

Zurück in den USA, hat Paul einen One-Night-Stand mit Richards Manager und Lebensgefährten Joseph Mansourian (Allan Corduner) und ein festes Verhältnis zu einem weiteren älteren Brancheninsider, dem Talentsucher Alden (Carlos Castagnon). Keine Frage, Paul sucht einen Vaterersatz. Seine Mutter schnüffelt derweil in seinem Koffer herum, findet schwule Pornohefte und dreht durch. Vom Ehemann verlassen, ist sie überreizt und doppelt verletzbar. Schnell findet sie einen Schuldigen: Richard. Beim Versuch, ihn zur Rede zu stellen, lässt sie jede Menge Lügen auffliegen. Richard hat seinen Lebensgefährten Joseph belogen, Joseph hat Richard belogen, aber auch Pamela hat ihren Sohn Paul belogen und Paul seine Mutter Pamela. Die Ereignisse überwerfen sich. Am Ende versöhnen sich Mutter und Sohn und blicken in einen Sternenhimmel.

Nichts ist, wie es zunächst scheint in Pons’ Film. Paul wirkt auf den ersten Blick wie ein hilfloser Junge, doch sein Charakter erweist sich als so robust wie sein Körperbau. Ihn kann nichts aus der Bahn werfen. Die Erkenntnis, dass er niemals ein Klaviervirtuose werden wird, erschüttert ihn keineswegs. Private und berufliche Enttäuschungen verarbeitet er schnell. Seiner aufdringlichen, übertrieben besorgten Mutter sagt er knallhart die Meinung - ohne sie deshalb weniger zu lieben. Um sein Altern braucht er sich keine Sorgen zu machen. Paul ist kein fragiles Jüngelchen, dessen Verfallsdatum mit Mitte zwanzig abgelaufen ist. Sorgen muss man sich eher um Richard machen, den Inbegriff des alternden Jünglings. Mit brutaler Offenheit zeigt Ventura Pons die hässliche, von Sommersprossen bedeckte Haut des Pianisten, der sich für seine CD-Cover prinzipiell nur mit Weichzeichner fotografieren lässt. Dazu ist er noch sentimental und humorlos. Richard erweckt unangenehme Assoziationen an Michael Jackson; seine Jugendlichkeit erscheint künstlich und zum Scheitern verurteilt.

Unnötigerweise wird der junge Paul vor Richard gewarnt: »Künstler sind Vampire«. In FOOD OF LOVE sieht der Künstler Richard so aus, als sei er von einem Vampir ausgesaugt worden, während die männliche Jungfrau, der Seitenumblätterer Paul, nur so vor Gesundheit strotzt. Bei der Mutter Pamela besteht zunächst die Gefahr, dass sie zur Witzfigur degradiert wird, sie trägt zu tief ausgeschnittene T-Shirts, ist geschwätzig und bietet naiv ihren eigenen Sohn dem weltberühmten Pianisten als Touristenführer an. Aber sie gewinnt im Laufe der Handlung an Würde und hat das Happy-End an der Seite ihres Sohnes wohl verdient.

FOOD OF LOVE enthält eine jener köstlichen Sequenzen, die einen Film aus der Bahn werfen und ihn dadurch stärken: Pamela besucht eine Selbsthilfegruppe, in der sich Mütter schwuler Söhne treffen. Sie ist noch total verklemmt, während andere Mütter ganz offen über die sexuellen Gewohnheiten ihrer Söhne reden (Top oder Bottom) und darüber, was am gefährlichsten für ihre Gesundheit sein könnte. Als eine Stärke des Films erweist sich auch, dass Paul sein Geheimnis behält. Ist er unschuldig oder durchtrieben, wenn er mit älteren Männern ins Bett geht? Warum soll er nicht beides zugleich sein?

Bei der ersten Pressevorführung in Berlin, am 24. Januar 2002, sorgte FOOD OF LOVE überwiegend für Entzücken unter den Journalisten, aber es gab auch ein paar unüberhörbare feindselige Reaktionen aus unerwarteter Ecke. FOOD OF LOVE ist vielleicht der erste wichtige Film mit intelligenten schwulen Protagonisten, deren sexuelle Präferenzen irrevelant erscheinen. Paul, Richard, Joseph und Alden denken viel an Sex, aber sie verfolgen auch Interessen, die über Sex hinausgehen. Das sollte honoriert werden. Da das Ballermann-Niveau mittlerweile auch die Schwulenszene erreicht hat, da nicht mehr nur biersaufende Heteros »Ausziehn« brüllen, gab es bei der Vorführung Zuschauer, die mehr sehen wollten, die empört waren, dass bei den Sexszenen die Kamera oberhalb der Gürtellinie blieb. Als wäre das ein Kriterium für die Qualität eines Films!

Ventura Pons ist ein Sensualist und kein Pornograph. Mit CARÍCIES hatte er Bewunderer aus der falschen Ecke gewonnen, in diesem Episodenfilm wurden mit gewagten Sexszenen zwischen einem alten Mann und einem jugendlichen Stricher pädophile Zuschauer in Ekstase versetzt, und der hübsche Roger Coma aus CARÍCIES ist in FOOD OF LOVE schon zum vierten Mal in einer Pons-Produktion zu sehen; er verkörpert einen Hotelangestellten. Doch bei aller Offenherzigkeit im Detail hat Pons keine pornographischen Einlagen nötig. FOOD OF LOVE zeigt, wie sexy Intelligenz sein kann.

Von Roger Coma abgesehen, arbeitet Pons mit völlig neuen Darstellern. Auch der Kameramann ist für ihn neu: Mario Montero ersetzt Jesús Escosa, der bisher bei Pons für die Bildgestaltung verantwortlich war. Dafür standen mit dem Cutter Pere Adabal, dem Komponisten Carles Cases und dem Ausstatter Bel.Lo Torras dieselben Kräfte zur Verfügung, die Pons schon seit CARÍCIES beschäftigt hatte. Eine Angabe auf dem Plakat ist falsch: »Introducing Kevin Bishop« heißt es über den Darsteller des Klavierschülers Paul im Vorspann. Tatsächlich war Kevin Bishop schon in Brian Hensons MUPPET TREASURE ISLAND (1996) zu sehen und in Lea Heathers BLAIR WITCH-Parodie THE BIG FINISH (2000). Ihm gelingt das Unmögliche: Einen jungen Mann zu verkörpern, der nicht weiß, was er will, und den man trotzdem ernst nehmen kann.

Wann landet Ventura Pons endlich im Wettbewerb?!
 

Food Of Love
   9.2./19:00 Zoo Palast
  10.2./11:30 CinemaxX 7
  17.2./20:15 CineStar 3
 

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