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Bilder von Menschen - Gesellschaftsbilder

44. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm im Oktober 2001

von Andrea Grunert


Die neunzehn Filme, die im Wettbewerbsprogramm des 44. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm präsentiert worden sind, verweisen auf die Bandbreite der Darstellungsformen und -möglichkeiten des Dokumentarfilms. Zahlreiche Filme waren von dem Versuch geprägt, das filmische Material künstlerisch zu überhöhen. Das mag manchmal etwas unbeholfen wirken, wie in dem iranischen Festivalbeitrag Der Totenwäscher (Dastaye Sangui, 2001, 24 Min.) von Mohsen Amir Yousefi. Dem Regisseur gelingt es dennoch, eine Parabel zu schaffen, die weit über die bloße Illustration hinausgeht. In seinem intensiven Porträt eines Mannes, der das letzte Reinigungsritual an sich selbst vollzieht, wird die Konfrontation von Menschen mit dem Tod auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene dargestellt.

Eindringliche Porträts von Menschen vermittelt auch Emmanuel Finkiels Film Casting (Frankreich, 2001, 87 Min.), der auf Videomaterial basiert, das anläßlich eines Castings gedreht worden ist. Der Regisseur hatte per Zeitungsannonce Menschen im Alter von sechzig bis neunzig Jahren, die Jiddisch sprechen, als Besetzung für seine Filme Madame Jacques sur la Croisette und Voyages gesucht. Indem er Personen zeigt, die aus ihrem Leben erzählen und Dialoge aus dem Drehbuch vorlesen, findet Finkiel eine Erzählform, die über das Interview hinausgeht. Die Situationen aus dem Drehbuch könnten von den Personen selbst erlebt worden sein; das Erlebte könnte Drehbuchstoff sein. Individuelle Lebensgeschichte und Fiktion gehen nahtlos ineinander über. Casting wird auf diese Weise zum Zeugnis einer verschwundenen Kultur, der der Schtetl Mittel- und Osteuropas. Deren letzte Überlebende machen deutlich, daß sie trotz Verfolgung und Deportation ihre Würde und ihre Menschlichkeit nicht verloren haben. Die Frauen und Männer, die vor Finkiels Kamera ihre Geschichte erzählen, tun dies mit Melancholie und Humor. Sie offenbaren das Gefühl von Verlust aber auch eine ungeheure Lebendigkeit, den Willen zum Widerstand und zum Leben.

Die drei palästinensischen Witwen, die mit elf Kindern in einem Haus in Hebron wohnen, dessen vorderer Teil zu Israel, der hintere aber zum palästinensischen Autonomiegebiet gehört, stehen im Mittelpunkt von Eingeschlossen (Asurot, Israel, 2001, 73 Min.). Der Film von Anat Even und Ada Ushpiz hat die Goldene Taube des diesjährigen Festivals gewonnen. Die israelischen Regisseurinnen zeigen die der politischen Situation ausgelieferten Frauen in ganz intimen Situationen. Die israelischen Soldaten dringen nach Belieben in das Haus ein; die Frauen können sich auf dem Territorium Israels nicht so frei bewegen. Über den israelisch-palästinensischen Konflikt hinausweisend macht der Film eine weitere Dimension des Gefangenseins deutlich, eine die verinnerlicht ist und das Leben der Frauen bestimmt : die der Unterdrückung durch die Männer in einer paternalistischen Gesellschaft. Der Film spart auch die Konflikte zwischen den drei Frauen nicht aus und entwickelt auf diese Weise neben der Kritik an der israelischen wie der muslimischen Gesellschaft nuancierte Frauenporträts. Eingeschlossen wird auf diese Weise zu einem vielschichtigen Film, der ein Stück Alltag unter extremen Bedingungen im Zeichen vielfältiger Formen von Gewalt darstellt.

Die Frauen stellen sich der Kamera, doch sind sie ebensowenig Projektionsflächen für voyeuristische Gelüste wie die ruthenischen Verwandten Andy Warhols, denen Stanislaw Mucha in Absolut Warhola (Deutschland, 2001, 80 Min.) begegnet. Der Titel deutet es an : Es geht um Warhol und - ab und an - um Wodka. Muchas Film nähert sich der Künstlerlegende mit einem Augenzwinkern an und ist unbedingt zu genießen. Die Verwandtschaft des Künstlers, die in der gottverlassenen Gegend des Grenzgebiets zwischen der Slowakei, Polen und der Ukraine lebt, hat ihr ganz eigenes Bild von Andy Warhol, das vom Cousin oder Neffen »Andrej« und nicht vom Star einer bestimmten Kunstszene. Dabei kommt der Zuschauer aus dem Lachen kaum heraus. Dennoch lacht man eben nicht über die Menschen im Film, sondern über sich - und das eigene elitäre Kunstverständnis. Mehr und mehr entwickelt der Film auch die Geschichte der Menschen, die er zeigt. Andy Warhol wird dabei sekundär.

Auf der Suche nach einer Legende haben sich auch Erik Gandini und Tarik Saleh gemacht. Ihr Film Sacrificio (Schweden, 2000, 60 Min.) spürt auf fast kriminalistisch anmutende Weise den Umständen des Todes von Che Guevara nach und spekuliert über die Rolle des Argentiniers Ciro Bustos bei der Gefangennahme des Revolutionshelden. Der Film versucht den angeblichen Verräter zu rehabilitieren. Dabei verlieren sich die Regisseure allerdings in der Fülle ihres Materials.

Gerd Conradt nimmt sich einer anderen Legende an, der des Holger Meins. Seine Spurensuche vollzieht sich nicht als bloße Aneinanderreihung von Bildern, sondern verläuft über Bilder - Malerei, Fotografie, Filmbilder - mit denen der Regisseur seine Gesprächspartner und die Zuschauer konfrontiert. Dabei versucht er nicht, ständig zu erklären, sondern läßt Leerstellen der Interpretation zu. Conradt gibt nicht vor, die Wahrheit über Meins gefunden zu haben, sondern macht die Vielzahl möglicher Wahrheiten deutlich. Starbuck - Holger Meins (Deutschland, 2001, 94 Min.) ist ein persönlicher Film, der viele Fragen offenläßt, dafür die Möglichkeit gibt, alte Antworten zu revidieren und neue Fragen zu stellen.

Isla (Insel, Belgien, 27 Min.), der erste Film der belgischen Schauspielerin Sonia Pastecchia, der den Preis der FIPRESCI erhalten hat, funktioniert ebenfalls als eine Reflexion von Bildern über Bilder. 1996 ist Pastecchia mit dem Fotografen Michel Beine nach Kuba gereist und hat dort eine Serie von Schwarzweißfotografien realisiert, die zur Grundlage ihres Films geworden sind. Isla setzt dieses fotografische Material als eine poetische und eigenwillige aber unbedingt filmische Form um. Filmaufnahmen eines nackten Körpers und des Meeres erscheinen als Interpunktion in diesem Film, der von formsprachlicher Suche bestimmt ist, ohne daß er gesellschaftliche Motive aussparen würde. Stillstand und Bewegung wechseln sich ab und setzen Bilder von Menschen frei, die auf Pastecchias Frage antworten, was ihnen Freiheit bedeutet. Ihr Film erhält dadurch eine politische Dimension. Er verfolgt Lebenslinien, die sich mit der Geschichte Kubas im 20. Jahrhundert decken, und vermittelt Aussagen über die aktuelle Situation auf Kuba. Die über den Körper gleitende Kamera, die Bilder der Meereswogen und des Strandes implizieren Gedanken über Distanz und Nähe, Isolation und Weite, Vergänglichkeit und Ewigkeit. Damit wird Isla zum beredten Zeugnis dafür, daß Dokumentarfilm nicht nur simple Aufnahme von Bild und Ton sondern filmisches Kunstwerk ist.
 

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