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Thessaloniki ist ein Glücksfall. Aber ein programmierter. Wenn man etwa an einem Novemberabend in der nordgriechischen Hafenstadt ankommt und einen Blick auf das restliche Tagesprogramm wirft, vergisst man gerne, auf wie viele Filme man es in der kommenden Woche noch bringen wird, sondern man eilt gleich ins Kino, um Ulrich Seidls Hundstage zu sehen. Danach, sozusagen zum Ausklang des Abends und zur Einstimmung auf die nächsten Tage, spaziert man in eines der Kinos in den renovierten Lagerhäusern am Hafen und sieht endlich John Boormans Excalibur auf einer großen Leinwand. Dieser ist dann kurz vor Mitternacht zwar nicht sonderlich gut besucht, weil sich das Publikum lieber nach Jacques Rivettes Eröffnungsfilm Va Savoir auf der Festivalparty tummelt, doch das kann einem in solchen Momenten nur Recht sein.
Thessaloniki ist nicht der Potsdamer Platz, und das ist gut so. Denn wie auch andere »kleinere« Festivals ist Saloniki unter der Leitung von Michel Demoupolos darauf angewiesen, das Interesse von Publikum und Kritik auf Nebenprogramme, Spezialschienen und Tributes zu lenken. So kommt es auch, dass im beinahe familiären Flair Jerry Schatzberg und Faye Dunaway vorbeischauen, um einen Ehrenpreis zu empfangen, und einem immer freundlichen John Boorman nicht nur eine Retrospektive gewidmet ist, sondern dieser auch gleich den Vorsitz der Jury für den offiziellen Wettbewerb übernimmt.
Diesen bestreiten in Saloniki traditionsgemäß Debütfilme oder Zweitwerke. Das bedeutet natürlich, dass man hier meist mit keiner Erwartungshaltung an große Namen herangeht, sondern man mit jedem Film versucht ist, tatsächliches Neuland zu betreten. Manchmal ein Risiko, gewiss, doch manchmal auch die schönste Überraschung. So konnten heuer vor allem zwei asiatische Filme überzeugen: Ming dai ahui zhu/Mirror Image des Taiwanesen Hsiao Ya-chuan erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Vater in dessen Pfandladen zu vertreten hat. Nicht mehr als knapp siebzig Minuten genügen hier, um ein eindringliches Kammerspiel mit humoristischen Untertönen zu zeichnen, das sich durch das Zusammentreffen mit einer schönen Unbekannten zunehmend in die endlosen Fluchten von U-Bahngängen ausweitet. Shoujyo/An Adolescent des Japaners Eiji Okuda hingegen setzt da schon mehr auf vergangene Geheimnisse: Die Geschichte eines Kleinstadtpolizisten mit einer mysteriösen Tätowierung am Rücken, der für die Vollendung des »Werkes« einen zweiten (Frauen-)Körper benötigt, erweitert Okuda zu einem breit ausgelegten Familien- und Gesellschaftsdrama, in dem erst langsam Beziehungen entflechtet und neue errichtet werden.
Ulrich Seidls Hundstage war übrigens in der Reihe »New Horizons« zu sehen, eine verdienstvolle Nebenschiene des Festivals. Die »neuen Horizonte« präsentieren seit mittlerweile zehn Jahren zeitgenössisches, unabhängiges Kino und stellen unter der eigenen Leitung von Dimitri Eipides sozusagen ein selbstständiges kleines Festival im Festival dar: Hier tummelten sich heuer Beiträge wie Michiel van Jaarsfelds einprägsamer Debütfilm Drift, US-Independents wie Larry Clarks BULLY, neues französisches und deutsches Kino (STILLER STURM, DREI STERNE, MEIN LANGSAMES LEBEN, IN DEN TAG HINEIN) sowie die hübsche Reihe mit dem Titel »3x3«, in der der iranischen Regisseurin Rakhsan Bani-Etemad, dem Tschechen Jan Hrebejk und Stanley Kwan mit jeweils drei Arbeiten Tribut gezollt wurde.
Eine der Hauptattraktionen war aber ohne Zweifel eine nationale Filmschau zum neuen argentinischen Kino, das zur Zeit wohl zu einem der innovativsten und pulsierendsten weltweit zu zählen ist. Die politischen, sozialen und ökonomischen Umwälzungen in den neunziger Jahren, in denen ein neoliberaler Sparkurs das Land an den Rand des Ruins brachte, sind nicht nur Ursache für die Ereignisse der letzten Wochen, sondern zeitigten auch unmittelbare Auswirkungen auf die Filmproduktion des Landes. Dabei können die schwierigen Bedingungen, mit denen vor allem junge Filmemacher zu Rande kommen müssen, beinahe als klassisches Beispiel für die bekannte These gewertet werden, nach der unzulängliche Mittel zu neuer ästhetischer Kraft führen. Wenn das heute erfolgreiche argentinische Kino mit Neoverismo, dem italienischen Neorealismus der 40er Jahre oder zum Teil sogar der Nouvelle Vague in Verbindung gebracht wird, dann sind nämlich genau hier die Gründe dafür zu suchen: wie der Zweck heiligt zwar auch der Zwang nicht die Mittel, bringt aber erstaunlich neue zu Tage. Nach dem internationalen Erfolg von Moebius setzte geradezu entgegen der wirtschaftlichen und sozialen Krise das nationale Filmschaffen zu einer Hochblüte an. Und lässt Filme mit genauem sozialen und politischen Blick wie Ana Poliaks La fé de volcan, Adrián Caetanos Bolivia oder Pablo Traperos Mundo grúa fast als Paradox erscheinen - sind sie doch beeindruckende Beispiele vom Filmschaffen einer neuen Generation, die mit geringsten Mitteln Arbeiten von zum Teil herausragender Qualität produziert.
Im offiziellen Bewerb durfte TIRANA YEAR ZERO von Fatmir Koçi den Preis des Siegers empfangen, eine Liebesgeschichte in einem vom Bürgerkrieg zerstörten Albanien und der Sehnsucht nach einem besseren Leben in der Fremde. Doch leben sollte man bekanntlich nur an einem einzigen Ort, wie der Titel des wunderbaren Films von John Boorman verrät: WHERE THE HEART IS.  
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