 |
BERLINALE 2002
Impressionen
von Elena Kounadis und Peter Feierlein
|
    06.02.2002 / Tag 1
Jeder Beginn ist hoffnungsvoll: alles ist möglich. Letzte Vorbereitungen gehen über in die mittäglichen Pressevorführung des Eröffnungsfilms HEAVEN (Regie: Tom Tykwer). In die anschließende gutbesuchte Pressekonferenz haben wir nur kurz hereingeschaut, waren zu sehr beschäftigt mit der Sondierung des Terrains am Potsdamer Platz. Nicht nur der Festivalleiter Dieter KOSSLICK ist neu, auch einige Anlaufpunkte für Journalisten...
Die ersten Groupies finden sich vor dem Berlinale-Palast ein, als wir gegen 17 Uhr die Sicherheitsvorkehrungen passieren und in den Kellern des Hauses statt der gewohnen tristen Pressezimmer eine opulent ausgestattete Lasterhöhle vorfinden: das Adagio (Foto) - Festivaltreffpunkt für die Akkreditierten des Festivals, Café und Bar in einem. Bislang bereitet man sich hier auf den Ansturm vor. Wir beschließen, die Küche demnächst zu testen und selbst im günstigsten Fall zumindest nachts den Cocktails im Billy Wilder neben dem Arsenal-Kino die Treue zu halten.
Der offizielle Beginn der Berlinale war um 18.30 Uhr mit der Vorführung von HEAVEN durch Bundeskanzler Gerhard Schröder, der versprach, die Filmförderung aus Bundesmitteln zu erhöhen. Bleibt zu hoffen, dass die Folgen demnächst auf der Leinwand zu sehen sein werden...  
|
|
07.02.2002 / Tag 2
Nun ist es ja so, dass es JournalistInnen gibt, die sich den Stars und Sternchen an die Fersen heften, auf der Suche nach Glamour auf der Berlinale. Andere JournalistInnen sind froh, wenn es endlich dunkel wird. Und reihen einen Film an den nächsten, nebenbei genießend, dass die Realität endlich auf ein verträgliches Maß zusammenschrumpft.
So kommen wir heute aus dem Cinemaxx, aus HAPPY TIMES von Zhang Yimou, hin- und hergerissen zwischen freundlicher Belustigung und berührender Menschlichkeit (aber: ist das wirklich Zhang Yimou? Ist seine poetische Bildsprache auf dem Weg nach Hollywood verloren gegangen?) und kommen zu spät zum Berlinale-Empfang des Bundespresseamtes. Wenn man Prioritäten setzen muss, dann im Zweifelsfalle natürlich immer für den Film... Und so haben wir eine - Gerüchten zufolge - beschwingte Preisverleihung des Deutschen Drehbuch-preises 2002 an Thomas Wendrich (NIMM DIR DEIN LEBEN), Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker (GOOD BYE, LENIN) verpasst und stehen auf dem anschlie- ßendem Empfang im Gedrängel, über das auch Vadim Glowna und Senta Berger nicht trösten können.
Der Mitternachtsfilm ist LOLA von Carl Bessai. Eine Geschichte über eine Selbstfindung mit offenem Ende und zu vielen Lanschaftsbildern und Porträts, die nicht wirklich in die (Seelen-)tiefe führen, sondern nur schmerzlich an die Rezeptionssituation erinnern. Die Protagonistin streift ihr altes Leben ab, das unerträglich vorüberzieht und nimmt eine neue Identität an, die auf Lügen aufgebaut ist. Die manchmal auch trösten, selbst wenn sie durchschaut werden. Und hier sind - wenn man mag - Parallelen zu HAPPY TIMES: Lügen können auf Respekt aufgebaut sein, wollen vor der Wahrheit verschonen. Manchmal scheint das durchaus sinnvoll.
 
|
08.02.2002 / Tag 3
Lang war er, der neue Film von Bertrand Tavernier über die Zeit der deutschen Besetzung von Paris (LAISSEZ-PASSER), und ein Grenzgänger zwischen den Genres, als wären es aneinandergereihte Episoden. Und doch war er nicht halb so lang, wie die skurrile Story um die gefakte Beerdigung eines Regisseurs (Donald Sutherland) in BIG SHOT’S FUNERAL von Feng Xiaogang aus China, deren Sinn und Humor sich nicht ohne weiteres erschließen. Anfang und Ende waren gelungen - vom Rest konnte man nur hoffen, dass er schnell vorbei geht: Klamauk.
Ganz anders ein Film der Retrospektive, LE DÈPART. Jugendlich wie sein französischer Protagonist war der ganze Film, charmant und witzig, im Brüssel der sechziger Jahre gedreht von dem polnischen Regisseur Jerzy Skolimowski.
Die Perle von mindestens diesem Tag war diesmal im Wettbewerb zu finden: MONSTER’S BALL von Marc Forster. Intelligent und hintergründig gemacht, geben wir die Hoffnung auf Besinnung und den Abbau von Vorurteilen nicht auf: Es sind die Emotionen, die die wirkliche Begegnung zwischen Menschen erst möglich machen. Und die Nähe, die man braucht, um lebendig zu sein. Es ist ein Film über den Prozess des Selbsterkennens im Anderen, getragen von aussergewöhnlichen Darstellern (Halle Berry und Billy Bob Thornton).
 
|
09.02.2002 / Tag 4
Heute gesehen: 8 FRAUEN von Francois Ozon. Ein mäßig unterhaltsames Kammerspiel mit Starbesetzung und Chansoneinlagen. Drei Generationen französischer Schauspielerinnen (Deneuve, Ardant, Huppert, Béart u.a.) zeigen ihre Garderobe und sich selbst und anderen ihre Lebenslügen auf. Wäre Peter Ustinov noch aufgetaucht, hätte es ein Hercule-Poirot-Krimi werden können.
Es regnet an der Shuttle-Haltestelle.Sogar die Krähen nehmen den Bus. Ein böses Omen. Aber es kommt anders: SPIRITED AWAY von Hayao Miyazaki, ein technisch eher konventionell produzierter Zeichentrickfilm, bezaubert mit seinem Einfallsreichtum und differenzierten Charakteren. Ein modernes Phantasy-Märchen mit Tiefgang. Nicht nur für Kinder. Oder auch: nicht nur für Erwachsene!
Danach Mordsandrang im Cinemaxx. Am Imbiss im ersten Stock fällt die Kaffeemaschine aus. Aber es gibt ja Wasser im Überfluss vom Hauptsponsor aus der nicht versiegenden Kühlbox...
Im Vorfilm CELEBRATION tritt ein siebenjähriger Junge auf ein Rednerpult und proklamiert »I´m a homosexual«. Applaus vom Auditorium, im Film wie im Kinosaal. Das wars denn auch schon. Der Regisseur Daniel Stedman erzählt anschließend, sein minderjähriger Protagonist hätte als Text »I´m a hot dirty homosexual« vorgezogen. Irgendetwas habe ich wohl nicht verstanden.
Der Hauptfilm FOOD OF LOVE erzählt dazu passend die Geschichte einer nach ihrer Scheidung depressiven amerikanischen Mutter und ihres homosexuellen Sohnes. Die Suche nach Liebe zwischen Lebenslügen und Promiskuität.
In der Spätvorstellung dann noch CHAOS von Coline Serrault. Ein streckenweise inkonsistenter Versuch über soziale Kälte und männliche Gewalt gegen Frauen. Die guten schauspielerischen Leistungen tragen einen dann doch bis zum Abspann.
 
|
|
10.02.2002 / Tag 5
Der Zeitplan kollabiert. Die Pressevorstellung von Altmanns GOSFORD PARK ist hoffnungslos überfüllt. In der Retrospektive läuft LA DERIVE von Paula Delsol aus dem Jahr 1962. Die Geschichte einer jungen Frau, die ein wenig ausbricht aus der Perspektivelosigkeit ihrer Lebens in einer Kleinstadt, immer wieder zurückgeworfen wird, und doch ihre Ideale nicht preisgibt. Ein Film ohne große Spannungsbögen, wohltuend unprätentiös, Beobachtung ohne Einmischung. Wie übersteht ein Film die Gezeiten von Mode und Zeitgeist? In LA DERIVE ist es der rechtschaffene und gütige Blick auf Irrungen und Verfehlungen.
Schließlich klappt es auch noch mit GOSFORD PARK. Eine zusätzliche Vorstellung wird kurzfristig aufgrund der großen Nachfrage angesetzt. Vielleicht liegt es am zuvor gesehenen LA DERIVE, daß sich die große Begeisterung nicht einstellen will? Etwas zu versiert und perfekt gekonnt wirkt dieser Film, im Kontrast zum dürftigen Inhalt. Irgendwie gesellschaftskritisch soll das wohl sein, kommt allerdings rund 70 Jahre zu spät. Gezeigt wird, kunstvoll dramaturgisch verwoben, das in Rituale erstarrte Leben der Reichen und Adligen und ihrer Bediensteten anläßlich eines Jagdwochenendes im England der 30er Jahre. Viele Stars mit bestechenden schauspielerischen Leistungen, trotzdem kommt der Film über ein Null zu Null nicht hinaus.  
|
11.02.2002 / Tag 6
Es regnet ständig, und zwar in der wirklich nassen Variante. Wie sich herausstellt, die passende Einstimmung für THE SHIPPING NEWS von Lasse Hallström. Ein überzeugender Kevin Spacey spielt den Reporter ohne Selbstvertrauen, der durch die Rückkehr in die Heimat Stück für Stück seine Identität gewinnt. Stimmungsvoll inszeniert in der sturmumtosten Küstenlandschaft Neufundlands, ein Film über das - zu sich selbst - Nachhausefinden, auch wenn der Orkan das Haus vom Felsen bläst.
  
Heiss dagegen wird es, als Regisseur Tony Gatlif sich auf der Bühne des Zoopalasts beim Publikum mit einem Tanz für den Applaus bedankt. Sein Film SWING erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Zigeunermädchen und einem Jungen, der sich für die Gitarrenmusik des Manouche begeistert. Viel, stellenweise vielleicht auch zuviel Musik, aber von seltener Authentizität. Und er zielt ins Herz und trifft es auch.
Auf ein eher gemischtes Echo stösst THE LARAMIE PROJECT von Moises Kaufman, eine Art dramatisierte Dokumentation über einen 1998 hohe Wellen schlagenden Fall von Mord an einem jungen homosexuellen Studenten in der amerikanischen Kleinstadt Laramie. Das Konzept erscheint zweifelhaft, allein die sentimentale musikalische Untermalung sorgt schon dafür, daß die Oberfläche nie ausser Sichtweite gerät. Ein Tanz um den heissen Brei, solange, bis ihn zimmerwarm keiner mehr will.  
|
12.02.2002 / Tag 7
A BEAUTIFUL MIND von Ron Howard, ausser Konkurrenz im Wettbewerb, für mehrere Oscars nominiert, weckt natürlich große Erwartungen. Erzählt wird die Geschichte des Mathematikers John Nash, der an Schizophrenie erkrankt. So geschickt arbeitet der Film die Halluzinationen der Hauptfigur ein, daß man schlußendlich versucht ist seinen Kinonachbarn zu kneifen, um sich zu versichern, daß man nicht alleine im Kino sitzt. Tief bewegend ist der Kampf gegen die heimtückische Krankheit, den er allein mit seinem Verstand führt. Die eine oder andere Träne ist da schwer zu unterdrücken. Russell Crowe meistert die Hauptrolle mit Bravour. Auch wenn manche Kollegen sein Spiel als overacting kritisieren...
Spannend wie ein Psychothriller, obwohl auf Action-Elemente fast vollständig verzichtet wurde. Ein nicht einfach einzuordnender Film, der fürs anschließende Abendessen einigen Gesprächsstoff liefert...  
|
13.02.2002 / Tag 8

  
Einer der herausragendsten Regisseure von Filmen mit politischer Botschaft zeigte heute im Wettbewerb seinen Film AMEN - DER STELLVERTRETER von dem Autor Rolf Hochhuth: Constantin Costa-Gavras. Das Versagen der katholischen Kirche während des Nationalsozialismus wurde unsentimental mit Ulrich Tukur, Ulrich Mühe und Mathieu Kassowitz in den Hauptrollen verfilmt und berührte in seiner Nüchternheit. Man mag dem Team Costa-Gavras/Hochhuth vorwerfen können, dass die Genauigkeit der Fakten zulasten der Lebendigkeit der Dialoge geht. Der Vorwurf aber, der auf der anschließenden Pressekonferenz mehrmals laut wurde, dass AMEN ein mediokrer Kostümfilm geworden sei und sein Thema wenig verantwortungsvoll abhandele, ist eher auf die arg eindimensionale Sichtweise einiger Journalisten zurückzuführen. Sein stärkster Film ist dies nicht. Und doch ist erscheint die Dringlichkeit, sich mit derartigen Themen immer und immer wieder auf verschiedenste Art und Weise auseinanderzusetzen nach wie vor gegeben. Costa-Gavras leistet hier einen mutigen und wichtigen Beitrag.
Erstaunlich ist es, immer wieder zu beobachten, dass an Filmen mit politischen Botschaften und deutlichen Anliegen unverhältnismäßig gerne herumkritisiert wird (statt sie konstruktiv zu diskutieren) oder man sich gerne an Marginalitäten aufhält (Journalistenfrage: War es ein Problem, Herr Tukur, den Film in Englisch zu sprechen?) und in anderen Filmen, die inhaltlich konträr angelegt sind, ebendies Fehlen von Botschaften und Hintergründen nicht bemängelt wird. Im Gegenteil. Auf den langen Wegen, die zurückgelegt werden müssen, um den Berlinale-Palast zu verlassen, fanden sich erstaunlich begeisterte Stimmen zu ROYAL TENENBAUMS von Wes Anderson, der weder Aussage noch Witz hatte und allein mit den Darstellern glänzte, die doch wesentlich besseres zu leisten imstande sind. Bilder von einer schrägen Gwyneth Paltrow und einem ewigen Loser Gene Hackman, die nicht im Gedächtnis haften bleiben.
Auch Wim Wenders ist wieder Im Wettbewerb vertreten. VIEL PASSIERT - DER BAP-FILM. Wir erinnern uns an BUENA VISTA SOCIAL CLUB und wissen: Wir haben es mit demThema Musikfilm in verschiedenen Variationen zu tun, eine Fingerübung. Schon BUENA VISTA SOCIAL CLUB interessierte sich weniger für die Musiker als für die Musik und hinterließ ein flaues Gefühl der Uninformiertheit, bestenfalls der Neugierde. Konzertausschnitte, Statements, Archivmaterial und eine Maria Bäumer mit Joachim Król, die zwischendurch auftauchen und wirken, als hätten sie sich in den Kulissen des Films verloren. BAP - Nix passiert. Dann schon lieber die Toten Hosen...
    
Mehr passiert in IBIZA DREAM, dem Spielfilmdebüt des jungen spanischen Regisseurs Igor Fioravanti. Zu viel passiert hier. Das Thema: Freud und Leid dreier Freunde vor der idyllischen Kulisse von Ibiza. Der Soundtrack soll Café-del-Mar-Assoziationen (»der Film zur Musik«) wecken und liefert in dieser Hinsicht doch nichts Neues. Drogen, Orientierungslosigkeit, Affären, HIV - zu vollgestopft ist der Film, zu wenig Zeit läßt er sich, um sich zu konentrieren, um in die Tiefe zu gehen, Abgründe zu zeigen ebenso wie Zuneigung, zu bunt ist die Landschaft. Was auch passiert - auf Ibiza scheint die Sonne  
|
14.02.2002 / Tag 9
Nun ist ja die Berlinale, um ehrlich zu sein, nicht nur dazu da, in einem visuellen Rausch zu versinken. Sie ist auch Ort der Begegnung. Und da Kontakte in den kurzen Pausen zwischen Filmen und Nahrungsaufnahme selten konzentriert angegangen werden können, wurde heute mal ausgiebig kommuniziert.

Barbara und Winfried Junge führten auch in diesem Jahr ihre GOLZOW-Reihe fort mit JOCHEN - Ein GOLZOWER AUS PHILADELPHIA. Ein weiterer Baustein in der Langzeitbeobachtung von Menschen aus Golzow. Jochen: das ist die Geschichte eines Melkers und gleichzeitig Zeitgeschichte. Spannend und kurzweilig erlebt man einen realen Menschen, einen von jenen, an denen wir täglich vorbeilaufen ohne jemals etwas über ihr Leben zu erfahren, ein Nachbar, ein »Ossi«, der uns so wenig fremd ist und mühelos die Vorurteile von »Wessis« zunichte macht. Mit Respekt und auch mit Neugierde zeichnen die Junges ein gut geschnittenes Porträt von Jochen, der nicht nur frei und unbefangen, sondern vor allem mutig 30 Jahre seines Lebens preisgibt. Mehr davon!
Wer mehr zu den heute vorgeführten Filmen der Berlinale lesen möchte, sei diesmal auch verwiesen auf unsere Filmkritiken zu L’ANGE DE GOUDRON und GESCHICHTEN AUS DEM LEPRATAL.  
|
15.02.2002 / Tag 10
Kunst, Konstruktion, Kitsch - die Grenzen sind fließend. Wer vermag da zu entscheiden? Nein, meine Aufgabe ist es nicht, Urteile über Filme zu fällen, sondern meine Aufgabe ist es, Filme zu diskutieren. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein Angebot zu machen. Manchmal läßt es sich da nicht vermeiden, die eigenen Emotionen neben dem Sachverstand einfließen zu lassen. Manche Filme berühren. Und manche Filme verletzen.

Was sagen Sie zu folgendem Szenario: Eine junge Studentin wird während einem Date von einem Unbekannten unfreiwillig und intensiv geküsst. Sie ist wütend und verlangt eine Entschuldigung. Er will wortlos gehen, wird aufgehalten durch Polizisten, die ihn durch Prügel dazu bringen wollen, sich bei ihr zu entschuldigen. Erfolglos. Er blutet, schweigt und stiert sie an. Er ist, wir ahnen es dunkel, entbrannt in absonderlichen Gefühlen zu ihr. Da der Kuss bei ihr nicht auf Resonanz stieß, versucht er es weiter auf eine Art, die offensichtlich schon lange sein Leben bestimmt: mit Gewalt. Er lockt sie in einen Hinterhalt, macht sie gegen ihren heftigen Widerstand zu seiner Nutte und beobachtet sie heimlich bei der Befriedigung ihrer Kunden, beobachtet ihre einsame Verzweiflung, saugt ihre Gefühle auf. Er redet im ganzen Film keine drei Sätze. Anstelle von Worten stehen Schläge. Sie ist zu jung. Irgendwann hat er es geschafft, sie zu brechen. Willig steht sie zur Verfügung und lässt sich dumpf wie ein Tier wahllos ficken. Sie ergibt sich der Abhängigkeit zu ihrem Dompteur, der ihr erfolgreich jede Würde genommen hat. So abgerichtet, empfindet sie irgendwann Liebesgefühle für ihren Peiniger, und bleibt auch bei ihm, als er die Ketten löst. Die Musik lässt ein »Happy End« assoziieren: beide fahren im Transporter durch die Lande, sie bleibt eine Fickmaschine, er ihr Zuhälter, eine Reise, die durch das Klatschen der Zuschauer im Berlinale-Palast ihr Ende findet.

BAD GUY heisst der Film, Kim Ki-Duk der koreanische Regisseur. Er lehne Gewalt ab, meint er auf der anschließenden Pressekonferenz, sein Film sei nicht gewaltverherrlichend, sein Protagonist trage große Verletzungen aus der Kindheit mit sich und finde keine andere Möglichkeit, sich auszudrücken. Ob das nicht ein Widerspruch sei, wenn sein Film doch zeigt, dass gerade aus Gewalt, und nur aus Gewalt, Liebe entstehe? Nein, es sei keine Liebesgeschichte, antwortet er, und es gehe nicht um das Unglück einer einzelnen Studentin, sondern um ein Verständnis vom Leben selbst. Die Unreflektiertheit Regisseurs irritiert und passt doch aber zu einem bestenfalls atavistisch zu nennenden Verständnis von Rollenverteilungen in der menschlichen Gesellschaft. Gewalthandlungen werden irgendwann nicht zuletzt ob ihrer Fülle und Konsequenzlosigkeit stumpf rezipiert, niemals ist der Ansatz einer kritischen Einstellung vorhanden, denn - ganz im Gegenteil - hier gewinnt wer Gewalt sät auch noch eine Frucht: die Liebe.
Die Auswahl eines derartig sexistischen Filmes für ein Festival, gar für den Wettbewerb der Berlinale, ist nicht nicht nur fragwürdig und ärgerlich, sondern gefährlich und schlichtweg ein Skandal.  
|
16.02.2002 / Tag 11
Der vorletzte Tag. Dunkel ahne ich, dass sich der alljährliche Post-Berlinale-Blues in diesem Jahr nicht einstellen wird. So schwung- und verheißungsvoll sie begonnen hat, so zäh zieht sich die Berlinale in den letzten Tagen hin. Und die Filme scheinen länger und länger zu werden. Wohl aus dramaturgischen Gründen waren die Highlights des Wettbewerbs in der ersten Hälfte angesiedelt. Richtig überzeugen konnten mich nur HEAVEN und MONSTER’S BALL - meine Favoriten für den Bären.

  
Der letzte Wettbewerbsbeitrag dieses Jahrgangs war TAKING SIDES - DER FALL FURTWÄNGLER von István Szabó, der vorab eine überweigend negative Presse bekommen hatte und doch inhaltlich überzeugte. Im Rahmen der Entnazifizierung wurde der Dirigent Wilhelm Furtwängler von einem US-Major verhört. Der Film diskutiert die Frage, wie weit die Verantwortung von Künstlern geht - Kunst und Politik: ist das zu trennen? Szabó vermeidet eine Positionierung und hält sich klug heraus, um beide Seiten gleichermaßen zu zeigen: Den anklagenden und richtenden Amerikaner (Harvey Keitel) einerseits, der in seiner überaus gerechtfertigten Emotionalität doch manchmal vorschnell und vielleicht ungerecht zu urteilen scheint, und andererseits den Künstler (Stellan Skarsgärd), der sich hinter seiner Kunst zu verstecken scheint, sich für das Naziregime missbrauchen ließ und doch Juden geholfen haben soll. Hier wird keine Schwarz-weiss-Malerei betrieben, ein Film der zur Diskussion anregt.
Im Panorama überzeugte EN LA CIUDAD SIN LIMITS von Antonio Hernández Aufdeckung einer tragischen Familienverstrickung nur durch die sorgfältige Heranführung an der überraschenden Plot, der dann doch leider viele Fragen offenließ. Die Regisseurin Eva López Sánchez widmete sich mutig und nie sentimental einer Geschichte um Flucht und Widerstand gegen das Regime in Mexiko und balancierte die Liebesgeschichte mit den politischen Aktivitäten gut aus. Mit eine Perle, die durchaus einen Platz im Wettbewerb verdient hätte, endete das Panorama im Zoo-Palast: SUR MES LÈVRES von Jacques Audiard. Es ist die Geschichte einer Begegnung zwischen einer hörgeschädigten Sekretärin und einem einfachen Arbeiter, der aus der Haft entlassen wurde und noch eine letzte Rechnung zu begleichen hat. Leicht, witzig, charmant!  
|
17.02.2002 / letzter Tag :(
Es gibt wohl nur wenige Auguren, die die Prognose gewagt hätten, dass ein Zeichentrickfilm bei der diesjährigen Berlinale zum (geteilten) Sieger gekürt wird. Die machartbedingt mangelnde Medienwirksamkeit - schließlich kann man den Hauptdarstellern keinen Blumenstrauss überreichen - scheint bei der Preisvergabe also keine Rolle gespielt zu haben. Und SPIRITED AWAY von Hayao Miyazaki ist ein würdiger Gewinner des Goldenen Bären. Der Bezeichnung Animationsfilm wird er in besonderer Weise gerecht, nicht im technischen Sinn, sondern durch die Beseeltheit seiner Figuren, durch die phantasievolle künstlerische Gestaltung und ja, durch seine Botschaft.
    
Ein modernes Märchen wird da erzählt; die Heldin, ein gerade schulreifes Mädchen, verirrt sich mit ihren Eltern in einem verlassenen, verwunschenem Vergnügungspark und gerät dabei in eine andere Welt, genauer gesagt in ein riesiges Badehaus, deren Besitzerin, eine mächtige alte Hexe, den verschiedensten Dämonen und Göttern gründliche Reinigung und Badespass verkauft. Wie es dem Mädchen schließlich gelingt, zusammen mit ihren zwischenzeitlich in Schweine verwandelten Eltern wieder in die richtige Welt zurückzufinden, soll hier nicht verraten werden, auch wenn es dem Film keinen Abbruch tun würde. Denn es steckt unerhört viel Liebe zum Detail und zu den Charakteren darin, sorgsam und trittsicher balanciert SPIRITED AWAY zwischen Komik, Gruseln, temporeicher Action und Ernsthaftigkeit. Wie etwa in einem der szenischen Höhepunkte, als ein riesiger stinkender Schleimgott zum Bade kommt, der, als ihm ein schmerzhafter Dorn entfernt wird, wie ein geplatzter Müllsack in einer Schmutz-Flutwelle seinen gesamten (menschlichen) Unrat entlädt.
Den grössten Verdienst erwirbt sich der Film durch die Zeichnung der Figuren. Da gibt es keine bruchlose Idealisierung in Gut und Böse: die Heldin ist anfangs weinerlich und ängstlich, ihr zauberkundiger Freund ein Dieb, die Hexe getrieben von Geldgier und mütterlicher Hätschelwut, und selbst der durch die Badeanstalt wütende stumme Dämon nur auf der Suche nach Freundschaft. Eine Qualität der Beschreibung, der man in der wirklichen Welt mehr Nachahmung wünschen möchte. So gewinnt SPIRITED AWAY durchaus auch eine politische Dimension; und seine Auszeichnung mit dem Goldenen Bären setzt - wie der Film - ein Signal für die Verständigung zwischen den Welten.  
Fotos: Hans Schammer  
|
|
|