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Zum ersten Mal seit neun Jahren ist Russell Crowe wieder zu Gast auf der Berlinale. Zwei neue Bücher sind über ihn erschienen.
I   Berlin im Februar 1993. Die Pressekonferenz im Anschluss an die Komödie LOVE IN LIMBO ist ziemlich schlecht besucht. Warum sollte sie auch überlaufen sein? Der sympathische kleine Film des Australiers David Elfick ist eine niveauvollere Version von EIS AM STIL, eine hübsch gemachte nostalgische Teenie-Komödie ohne Peinlichkeiten, obwohl es um drei pubertierende Jungs und ihre Lust aufs erste Mal geht. Es gibt nichts, worüber man ernsthaft diskutieren könnte. Dann sitzt da vor den wenigen erschienenen Journalisten auch noch ein ungepflegter junger Mann, der eine der drei Hauptrollen gespielt haben soll und als Mr. Crowe vorgestellt wird. Niemand, der LOVE IN LIMBO gesehen hat, kann ihn zuordnen. In dem geschmackvollen Film gab es keinen unrasierten Rüpel mit langen Haaren und schlechter Körperhaltung, der beim Sprechen eine Hand in die Achselhöhle klemmt und sich häufig den offensichtlich verlausten Bart kratzt.
Zunächst schwärmt der Regisseur Elfick von der Harmonie, die bei den 40-tägigen Dreharbeiten bestanden habe. Dann gibt es über den Film nichts mehr zu sagen, und ein junger deutscher Journalist rettet die Situation, indem er auf das australische Kino generell zu sprechen kommt. Er gesteht, außer MAD MAX keinen australischen Film zu kennen. David Elfick will ihn aufklären: »Well, there’s more than MAD MAX ...« Er kann den Satz nicht zuende führen. Denn jetzt ergreift Mr. Crowe das Wort und zählt die wichtigsten Titel auf, mit denen seine Heimat in den letzten Jahren auf Festivals reüssieren konnte: »MY BRILLIANT CAREER, THE LAST WAVE, BREAKER MORANT, THE CHANT OF JIMMIE BLACKSMITH, PROOF, BLACK ROBE. Shall I go on?« Der letzte Satz klingt aus Crowes Mund so wie »Wollen wir nach draußen gehen?« oder »Soll ich Ihnen die Fresse polieren?«
Russell Crowe wirkt »pissed off«, eine Formulierung, die noch häufig in Artikeln über ihn vorkommen wird. Noch immer ist kein Bezug zu LOVE IN LIMBO erkennen, dessen Regisseur traurig erscheint, weil sich niemand mehr für ihn oder seinen Film interessiert. Stattdessen erkennt eine tüchtige Festivalbesucherin Russell Crowe als den furchterregenden Skinhead Hando aus ROMPER STOMPER wieder, mit dem er im Mai 1992 in Cannes für Furore sorgte. Und hier in Berlin ist Crowe wieder ganz Hando und nicht der rührend verklemmte Duckmäuser Arthur aus LOVE IN LIMBO. Wie er das macht, will ein Journalist wissen, wie er zwei so unterschiedliche Charaktere zu verkörpern vermag. Das war ein Kompliment, über das sich Crowe freuen könnte, aber der undankbare junge Mann gibt ein paar sarkastische Bemerkungen von sich und sagt, er mache nur seinen Job: »It’s called acting«, klärt er das Publikum knapp und mit unverändert finsterer Miene auf.
Respekt, kann man da im Nachhinein nur sagen. Hier hat ein aufstrebender, 28-jähriger Schauspieler die seltene Möglichkeit, sich einem nicht-australischen Publikum vorzustellen, und er biedert sich kein bisschen an, sondern gibt den Flegel.
II  
Berlin im Februar 2002. Wieder ist Russell Crowe in einer sensiblen Rolle zu sehen, gut gekleidet, als schizophrener Mathematiker Chris Nash in Ron Howards Oscar-Anwärter A BEAUTIFUL MIND. Wenn er nach THE INSIDER und GLADIATOR (der ihm die Trophäe einbrachte) zum dritten Mal hintereinander für den Oscar nominiert werden sollte, wäre er der erste Schauspieler seit einem Vierteljahrhundert, dem das gelungen ist. In den siebziger Jahren gehörten Al Pacino und Jack Nicholson zu den Dauernominierten, und Anfang der achtziger Jahre war es Meryl Streep. Für A BEAUTIFUL MIND hat Crowe bereits den Golden Globe, den Broadcast Film Critics Award und den Dallas-Fort Worth Film Critics Award gewonnen. Nominiert wurde er außerdem für den American Film Institute Award, den Chicago Film Critics Award und den Golden Satellite Award. Sollte er jetzt wieder persönlich zur Berlinale erscheinen, wird er bestimmt netter auftreten als 1993. Viel Neues erzählen wird er kaum. Nicht, weil er etwas zu verschweigen hätte. Sondern weil er ein ziemlich einfaches Leben führt und seine Energie in die Rollen steckt.
III   Russell Crowe ist kein dankbares Objekt für die Klatschpresse und auch nicht für Biografen, so lange nicht irgendwelche falschen Freunde mit ihren Intimkenntnissen auspacken. Dennoch muss der Buchmarkt auf ein Phänomen wie Russell Crowe reagieren. Das ergiebigste Buch über ihn ist im renommierten Bertz-Verlag erschienen und, wie von diesem Verlag zu erwarten, exzellent bebildert. Schon das Cover würde dafür entschädigen, wenn es innen keine weiteren Bilder gäbe. Man sieht auf dem Cover drei Einstellungen aus L.A. CONFIDENTIAL; sie beschreiben den Moment, in dem Russell Crowe Kim Basinger zur Rede stellt, weil sie ihn betrogen hat. In seinem Gesicht ist alles vorhanden - vom naiven Staunen bis zur verzweifelten Wut. Man muss ein Buch lieben, das solche aussagekräftigen Fotos auf dem Cover präsentiert.
Die Autoren Christian Lukas und Sascha Westphal sind sich dessen bewusst, dass es über Crowe keinen fundierten Klatsch gibt und legen ihren Schwerpunkt daher auf die Rollenanalyse. Es wird deutlich, dass Crowe sich für keinen seiner Filme schämen muss, obwohl sie fast alle gefloppt sind. Nur GLADIATOR war ein weltweiter Megahit und ROMPER STOMPER ein Hit in seiner australischen Heimat. L.A. CONFIDENTIAL und PROOF OF LIFE liefen ganz passabel, das war’s aber auch schon. Egal, Crowe verstand es immer, sogar in künstlerisch durchschnittlichen Produktionen, seine Persönlichkeit einzubringen. Nie wirkt er völlig verloren. Deshalb müssen Westphal und Lukas auch keinen Crowe-Film schamhaft übergehen. Für die mitunter interessante Produktions- und Rezeptionsgeschichte der Crowe-Filme interessieren sich die Autoren kaum; das mag allerdings an der Bedingung liegen, dass ein Buch der Bertz-Star-Reihe (die auch Angelina Jolie, Cameron Diaz und Drew Barrymore gewürdigt hat) nicht zu dick sein darf. Die Autoren wahren emotionale Distanz zu Crowe, das erscheint angemessen bei einem Star, dessen Psyche schwer zu knacken ist. Wozu soll man eine Intimität vortäuschen, die keine Grundlage hat? Zum Anhang gehört eine ausführliche Filmographie; die Bebilderung ist ungewöhnlich originell und schließt auch seltene Plakate mit ein.
IV   Der Ansatz von Gabor H. Wylies Crowe-Buch befremdet zunächst total. Er hat einen Roman in der Tradition von Joyce Carol Oates’ »Blond« (über Marilyn Monroe) geschrieben, nur ist sein Werk literarisch nicht so ambitioniert. Der Autor tut so, als sei er ein Sandkastenfreund des Stars und später sein Saufkumpan. Letztlich ist die Lektüre dann doch erstaunlich ergiebig. Wylie versucht nicht, jede Station von Crowes Leben abzuhaken; er bedient sich einer elliptischen Erzählweise und malt einzelne Stationen von Crowes Leben aus, ohne zu erklären, was zwischendurch passiert ist. Die Fotos sind unsystematisch ausgewählt und kaum aussagekräftig; offenbar wurde hier alles verwendet, was dem Autor in den Schoß gefallen ist. Der Text, zunächst gewöhnungsbedürftig, verdient Respekt. Hier haben wir die Fantasie eines Fans vor uns, der sich vorstellt, mit Crowe persönlich befreundet zu sein. Grund zur Häme? Keineswegs. Man sollte die Fanperspektive nicht unterschätzen. Erst durch die unreflektierte Schwärmerei des Fans erfährt der Wissenschaftler, was für Gefühle ein Star bei seinem Publikum auslöst. Man kann auch sagen: Der Fan erledigt die Basisarbeit, und der seriöse Wissenschaftler ist der Parasit, der die Erkenntnisse des Fans weiter verarbeitet. Mit Sicherheit wird das definitive Buch über Russell Crowe erst in zehn oder zwanzig Jahren auf den Markt kommen. Aber die ersten Versuche haben ein Niveau, das erste Versuche in der Regel nicht aufweisen können.
(Dank an Elisabeth Nagy für Materialbeschaffung)
Christian Lukas/Sascha Westphal: Russell Crowe. Bertz; Berlin 2001. 159 Seiten. 9,90 Euro.
Gabor H. Wylie: Russell Crowe - A Life in Stories. ECW Press; Toronto, Ontario 2001. 147 Seiten. 18 Euro.
 
A Beautiful Mind
  12.2./22:00 Berlinale Palast
  13.2./15:00 Royal Palast
  13.2./20:30 Royal Palast  
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