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Wir schreiben das Jahr 1932 in England. Die Eröffnungszene schlägt den Akkord
an, der fortan die Stimmung von Robert Altmans neuestem Oeuvre Gosford Park
bestimmen wird, und ist zugleich eine subtile, fast wortlose Studie über
Herrschaft. Ironisch gesagt: über Schirmherrschaft. Wir sehen ein Auto, das
seine Insassen zur Jagdpartie bei Sir William McCordle bringen soll, aber auf
dem Wege zu dessen Landsitz Gosford Park in heftigem Unwetter stecken
geblieben ist - drinnen im trockenen Wagenfond Constance, Gräfin von
Trentham, draußen klatschnass ihr den Schirm haltend ihre Zofe Mary.
Oben und unten, drinnen und draußen, reich und arm, Herrschaft und
Dienerschaft. Man ist versucht, Robert Altmans neuestem Oeuvre Gosford Park
mit schlichten Gegensatzpaaren zu begegnen. Oben in Sir Williams großzügig
gebautem Schloss die Gemächer der noblen Jagdgäste, unterhalb der Treppe die
Räume der Dienerschaft, der schlosseigenen wie der von den Gästen
mitgebrachten. Nicht ganz so klar ist die Trennungslinie zwischen reich und
arm. Gewiss, für die Köchinnen, Butler, Chauffeure und Zimmermädchen sind die
höheren Regionen der Gesellschaft auf alle Zeiten unerreichbar. Wer aber sich
als Offizier für das Vaterland geschlagen hat wie Lieutenant Commander
Meredith oder als Geschäftsmann materielle Güter angehäuft hat wie der
Gastgeber selbst, darf hoffen, den Mangel an blauem Blut durch solche Meriten
wettzumachen - dem gelegentlichen diskreten Naserümpfen der »echten« Lords
und Ladies wird er dennoch nicht entgehen. Und Gäste aus »anrüchigen«
Bereichen wie den Musicalkomponisten Ivor Novello - übrigens die einzige
authentische Figur - oder gar den Hollywood-Produzenten Morris Weissman
duldet man allenfalls als Exoten.
Das wäre nun der Stoff für einen Film der heftigen sozialen Konflikte, wie
geschaffen, die Ausgebeuteten und Entrechteten agitatorisch zum Klassenkampf
zu rufen oder umgekehrt - frei nach Kracauers Diktum - den kleinen
Ladenmädchen für immer jeden Sozialneid auszutreiben, indem sie für zwei
Stunden die Sorgen und Probleme der Oberschicht so mitdurchleben dürfen, als
wären's die eigenen. Doch Altman wäre nicht der Schöpfer von Meisterwerken
wie Short Cuts oder Cookie's Fortune, gäbe er dieser Versuchung nach. So
wenig die erwähnte Schirmszene Zeichen des Protests der bibbernden Zofe
braucht, um die Ungerechtigkeit der Adelswelt zu verdeutlichen, so wenig
greift Altman auch später ins Arsenal fingerzeigender Didaktik. Da seine
Erzählperspektive vorwiegend die von unterhalb der Treppe ist, genügt die
bloße Abbildung der edlen Salons und Sterlingsilber-Noblesse »oben«, die
Klassenunterschiede zu markieren.
Ähnlich schaumgebremst erscheint die Filmhandlung. Die Jagdgäste kommen an,
dinieren, parlieren, gehen zur Jagd, dinieren und parlieren wieder und reisen
ab. Dazwischen, von Altmans Regie fast zur Beiläufigkeit tiefgekühlt,
geschieht ein Mord, der die Polizei auf den Plan ruft, doch auch deren
Ermittlungen schlagen kaum nennenswert Wellen im Geplätscher von
Salon-Smalltalk und Küchengeflüster. Denn längst hat uns Altman mit den
Figuren der Handlung ganz und gar vertraut gemacht, nein, hat sie uns
anvertraut. So kann sich unsere Fantasie unter ihnen wie unter alten
Freunden heimisch fühlen, bis der Mord beinahe wie ein irritierendes Element
von »action« in diese Vertrautheit einbricht.
Man hat Robert Altman schon mal den »europäischsten unter den großen
US-Regisseuren« genannt, eine Charakterisierung, die mit Gosford Park die
treffendste Bestätigung findet, und das nicht nur, weil dies sein erster in
England spielender Film ist. Mit sezierendem Blick und hintergründiger
Ironie, die durchaus eines Luis Buñuel würdig wären, entdeckt er die
verborgenen Parallelen zwischen Ober- und Unterschicht. Da sehen wir, wie das
Personal den Herrschaften die opulente Tafel deckt und sogar die exakte
Position von Geschirr und Besteck an jedem Platz penibelst nachgemessen wird,
werden Zeugen, wie die eintretenden Gäste mit versteckten Rangeleien um die
besten Plätze buhlen - und finden am Mittagstisch unten beinahe die gleichen
hierarchischen Rituale wieder!
Einmal mehr zeigt sich Altman als ungekrönter Kaiser seiner Zunft, wenn es
darum geht, eine schier unüberschaubare Schar von Figuren und
Handlungssträngen souverän zu führen. Jede von ihnen hat ausreichend
Spielraum, sich zu einem nachvollziehbaren Charakter zu entwickeln, ohne dass
dabei die dramaturgische Linie verloren geht. Eine Regieleistung, die umso
höher zu bewerten ist, da die Dreharbeiten beinahe »Dogma«-artig
unkonventionell waren: Chefkameramann Andrew Dunn ließ ständig zwei Kameras
laufen, ohne dass die Darsteller wussten, ob und bei welcher davon sie gerade
im Bild waren. Statt auf ein Zeichen hin ihre Rolle in einer bestimmten Szene
zu spielen, mussten sie ständig diese Figur »sein« - was wesentlich zur
Dynamik des Films beiträgt.
Mit mehr oder weniger spontan dilettierender Besetzung à la »Dogma« ließe
sich ein solches Werk ganz gewiss nicht in Szene setzen. Altman aber geht
noch einen Schritt weiter, indem er sich für seinen Film geradezu den
»Hochadel« der britischen Schauspielelite vor die Kamera holt, und dies
keineswegs nur für die »adligen« Rollen. Da sind Michael Gambon als Sir
William, Kristin Scott Thomas als seine Frau Sylvia, Maggie Smith als Gräfin
Trentham und Jeremy Northam als Ivor Novello »oben«, während in den unteren
Etagen Edelmimen wie Alan Bates als Hausbutler, Eileen Atkins als Herrin über
die Küche und Emily Watson als oberstes Zimmermädchen brillieren dürfen.
Hauptrollen allesamt, denn Altmans kunstvoll gewebtes Figurengeflecht kennt
keine wirklichen Nebenrollen, und selbst eine Handvoll knapper Auftritte
genügen dem genialen Derek Jacobi, um aus Sir Williams Diener Probert eine
unvergessliche Figur zu machen.  
Gosford Park
  10.2./22:30 Berlinale Palast
  11.2./15:00 Royal Palast
  11.2./18:30 Royal Palast
  11.2./22:30 International  
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