filmforum - Berlinale 2002

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Sezierendes Spiel mit Gegensätzen

GOSFORD PARK von Robert Altman

von Ulf Frimmo


Wir schreiben das Jahr 1932 in England. Die Eröffnungszene schlägt den Akkord an, der fortan die Stimmung von Robert Altmans neuestem Oeuvre Gosford Park bestimmen wird, und ist zugleich eine subtile, fast wortlose Studie über Herrschaft. Ironisch gesagt: über Schirmherrschaft. Wir sehen ein Auto, das seine Insassen zur Jagdpartie bei Sir William McCordle bringen soll, aber auf dem Wege zu dessen Landsitz Gosford Park in heftigem Unwetter stecken geblieben ist - drinnen im trockenen Wagenfond Constance, Gräfin von Trentham, draußen klatschnass ihr den Schirm haltend ihre Zofe Mary.

Oben und unten, drinnen und draußen, reich und arm, Herrschaft und Dienerschaft. Man ist versucht, Robert Altmans neuestem Oeuvre Gosford Park mit schlichten Gegensatzpaaren zu begegnen. Oben in Sir Williams großzügig gebautem Schloss die Gemächer der noblen Jagdgäste, unterhalb der Treppe die Räume der Dienerschaft, der schlosseigenen wie der von den Gästen mitgebrachten. Nicht ganz so klar ist die Trennungslinie zwischen reich und arm. Gewiss, für die Köchinnen, Butler, Chauffeure und Zimmermädchen sind die höheren Regionen der Gesellschaft auf alle Zeiten unerreichbar. Wer aber sich als Offizier für das Vaterland geschlagen hat wie Lieutenant Commander Meredith oder als Geschäftsmann materielle Güter angehäuft hat wie der Gastgeber selbst, darf hoffen, den Mangel an blauem Blut durch solche Meriten wettzumachen - dem gelegentlichen diskreten Naserümpfen der »echten« Lords und Ladies wird er dennoch nicht entgehen. Und Gäste aus »anrüchigen« Bereichen wie den Musicalkomponisten Ivor Novello - übrigens die einzige authentische Figur - oder gar den Hollywood-Produzenten Morris Weissman duldet man allenfalls als Exoten.

Das wäre nun der Stoff für einen Film der heftigen sozialen Konflikte, wie geschaffen, die Ausgebeuteten und Entrechteten agitatorisch zum Klassenkampf zu rufen oder umgekehrt - frei nach Kracauers Diktum - den kleinen Ladenmädchen für immer jeden Sozialneid auszutreiben, indem sie für zwei Stunden die Sorgen und Probleme der Oberschicht so mitdurchleben dürfen, als wären's die eigenen. Doch Altman wäre nicht der Schöpfer von Meisterwerken wie Short Cuts oder Cookie's Fortune, gäbe er dieser Versuchung nach. So wenig die erwähnte Schirmszene Zeichen des Protests der bibbernden Zofe braucht, um die Ungerechtigkeit der Adelswelt zu verdeutlichen, so wenig greift Altman auch später ins Arsenal fingerzeigender Didaktik. Da seine Erzählperspektive vorwiegend die von unterhalb der Treppe ist, genügt die bloße Abbildung der edlen Salons und Sterlingsilber-Noblesse »oben«, die Klassenunterschiede zu markieren.

Ähnlich schaumgebremst erscheint die Filmhandlung. Die Jagdgäste kommen an, dinieren, parlieren, gehen zur Jagd, dinieren und parlieren wieder und reisen ab. Dazwischen, von Altmans Regie fast zur Beiläufigkeit tiefgekühlt, geschieht ein Mord, der die Polizei auf den Plan ruft, doch auch deren Ermittlungen schlagen kaum nennenswert Wellen im Geplätscher von Salon-Smalltalk und Küchengeflüster. Denn längst hat uns Altman mit den Figuren der Handlung ganz und gar vertraut gemacht, nein, hat sie uns anvertraut. So kann sich unsere Fantasie unter ihnen wie unter alten Freunden heimisch fühlen, bis der Mord beinahe wie ein irritierendes Element von »action« in diese Vertrautheit einbricht.

Man hat Robert Altman schon mal den »europäischsten unter den großen US-Regisseuren« genannt, eine Charakterisierung, die mit Gosford Park die treffendste Bestätigung findet, und das nicht nur, weil dies sein erster in England spielender Film ist. Mit sezierendem Blick und hintergründiger Ironie, die durchaus eines Luis Buñuel würdig wären, entdeckt er die verborgenen Parallelen zwischen Ober- und Unterschicht. Da sehen wir, wie das Personal den Herrschaften die opulente Tafel deckt und sogar die exakte Position von Geschirr und Besteck an jedem Platz penibelst nachgemessen wird, werden Zeugen, wie die eintretenden Gäste mit versteckten Rangeleien um die besten Plätze buhlen - und finden am Mittagstisch unten beinahe die gleichen hierarchischen Rituale wieder!

Einmal mehr zeigt sich Altman als ungekrönter Kaiser seiner Zunft, wenn es darum geht, eine schier unüberschaubare Schar von Figuren und Handlungssträngen souverän zu führen. Jede von ihnen hat ausreichend Spielraum, sich zu einem nachvollziehbaren Charakter zu entwickeln, ohne dass dabei die dramaturgische Linie verloren geht. Eine Regieleistung, die umso höher zu bewerten ist, da die Dreharbeiten beinahe »Dogma«-artig unkonventionell waren: Chefkameramann Andrew Dunn ließ ständig zwei Kameras laufen, ohne dass die Darsteller wussten, ob und bei welcher davon sie gerade im Bild waren. Statt auf ein Zeichen hin ihre Rolle in einer bestimmten Szene zu spielen, mussten sie ständig diese Figur »sein« - was wesentlich zur Dynamik des Films beiträgt.

Mit mehr oder weniger spontan dilettierender Besetzung à la »Dogma« ließe sich ein solches Werk ganz gewiss nicht in Szene setzen. Altman aber geht noch einen Schritt weiter, indem er sich für seinen Film geradezu den »Hochadel« der britischen Schauspielelite vor die Kamera holt, und dies keineswegs nur für die »adligen« Rollen. Da sind Michael Gambon als Sir William, Kristin Scott Thomas als seine Frau Sylvia, Maggie Smith als Gräfin Trentham und Jeremy Northam als Ivor Novello »oben«, während in den unteren Etagen Edelmimen wie Alan Bates als Hausbutler, Eileen Atkins als Herrin über die Küche und Emily Watson als oberstes Zimmermädchen brillieren dürfen. Hauptrollen allesamt, denn Altmans kunstvoll gewebtes Figurengeflecht kennt keine wirklichen Nebenrollen, und selbst eine Handvoll knapper Auftritte genügen dem genialen Derek Jacobi, um aus Sir Williams Diener Probert eine unvergessliche Figur zu machen.
 

Gosford Park
  10.2./22:30 Berlinale Palast
  11.2./15:00 Royal Palast
  11.2./18:30 Royal Palast
  11.2./22:30 International
 

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