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HEAVEN


Zeremonie der Freilassung

HEAVEN von Tom Tykwer

von Elena Kounadis

 
Es ist eine Geschichte über Schuld. Über Gerechtigkeit. Und letztendlich auch über die Liebe. Eine Lehrerin (Cate Blanchett) kann nicht mehr mitansehen, wie der Drogenkonsum das Leben ihrer Schüler und ihres Mannes zerstört. Als auch ihre Briefe an die Behörden und die Polizei keinerlei Resonanz finden, beschließt sie aus ihrer Ohnmacht heraus, in vollem Bewusstsein über die Konsequenzen, den dafür verantwortlichen Drogendealer umzubringen. Sie deponiert eine Bombe in seinem Büro. Doch nicht er findet den Tod, sondern vier Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Sie wird festgenommen und erfährt während des Verhörs von den fatalen Folgen ihres fehlgeschlagenen Attentats. Sie ist sprachlos, entsetzt, weint hemmungslos. Ihre verzweifelte Reaktion berührt einen jungen Polizisten (Giovanni Ribisi), mehr noch als ihr Stolz und ihr Selbstbewusstsein. Er erkennt ihre altruistischen Beweggründe und verhilft ihr zur Flucht aus dem Untersuchungsgefängnis. Sie nimmt ihn ihrerseits wenig wahr und nutzt die Möglichkeit, durch ihn zu fliehen, um jenen zu richten, dem die Bombe galt. Mit der Waffe, die der junge Polizist ihr beschafft, erschießt Judith den Holofernes kaltblütig und doch nicht gleichgültig. Dabei weiss sie, dass diese Schuld weder zu rechtfertigen ist, noch sie sich selbst jemals verzeihen können wird. Sie hat den Glauben verloren, so sagt sie ihm, an den Sinn, an die Gerechtigkeit, an das Leben. Sie will nur noch, dass es endlich vorbei ist, das Leben. Das nimmt ihr die Angst, das nimmt dem Tod die Macht über sie, macht sie wirklich frei. Und frei von Begierde, von Leidenschaft und Wahn liebt der ehemals brave Polizist sie, nähert sich ihr unaufdringlich in jener Art Liebe, die den Wesenskern meint. Die trotz der Schuld erwachsen kann und dennoch wahrhaftig ist. Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, Wahrheit nicht nur zu erkennen, sondern auch auszuhalten, ihr einen Sinn zu verleihen. Er ist bei ihr, bis auch sie ihn wahrnimmt und begreift, was sein Schicksal an das ihre kettet.

Sie kehren der Stadt den Rücken, lassen sich die Haare scheren und sehen nicht länger wie zwei normale junge Leute aus, sondern wie magere, gehetze Aussätzige. Mit den Haaren, so scheint es, haben sie auch äußerlich die Verbindung zum bürgerlichen Leben gekappt. Gemeinsam werden sie - leitmotivisch längst vorbereitet durch die reduzierte, meditativ-sakrale Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt (»Alina«) - zurückgeworfen auf ihr Mensch-Sein, das Bewußtsein ihrer Schuld, auf demütig wortlose Selbsterkenntnis.

Nach einem Drehbuch des verstorbenen polnischen Regisseurs Krzystof Kieslowski finden sich in HEAVEN große Themen, aufgeladen mit nicht vordergründiger Religiosität, schnörkellos fotografiert und unsentimental inszeniert: Im Verzicht liegt der Gewinn.
 

Heaven
  6.2./18:30 Berlinale Palast
  7.2./15:00 Royal Palast
  7.2./18:30 Royal Palast
  7.2./22:30 International
 

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