filmforum - Berlinale 2002

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Taking Sides


Der Elefant im Porzellanladen

TAKING SIDES von István Szábó

von Frank Noack


Die Verstrickung von Künstlern in die nationalsozialistische Politik ist ein hochinteressantes Thema, davon zeugen unzählige Zeitungsartikel und Bücher. Aber das Medium Film hat sich dieses Themas erstaunlich selten angenommen. Kurt Maetzigs DEFA-Produktion EHE IM SCHATTEN (1947) behandelt in verschlüsselter Form das Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk, der 1941 mit seiner jüdischen Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn in den Tod ging, und der vom Remigranten Gottfried Reinhardt inszenierte LIEBLING DER GÖTTER (1960) erzählt die Geschichte der Schauspielerin Renate Müller, der ein jüdischer Freund nachgesagt wird, und die 1937 unter ungeklärten Umständen starb. Beide Male wurde das private Schicksal eines hilflosen, politisch nicht aktiven Individuums beleuchtet. Als in die Enge getriebene Opfer mussten Gottschalk und Müller keine Charakterprobe bestehen.

Viel interessanter sind eigentlich jene Künstler, die solch eine Charakterprobe zu bestehen hatten, weil sie weder politisch und rassisch verfolgt wurden und somit vor der Nachwelt keinen Opferbonus beanspruchen können. Es fällt leicht, das Land zu verlassen, wenn man keine Arbeit mehr findet, aber wer wirft schon freiwillig seinen gut bezahlten Job hin, wenn er nicht hinausgedrängt wird? Dieser Frage könnte man nachgehen anhand der Biografien von Heinz Rühmann oder Zarah Leander, von Hans Moser oder Marika Rökk. Im Film oder im Fernsehen gibt es sie nicht. Es gibt immerhin drei Versuche, Veit Harlan in seiner Eigenschaft als NS-Regisseur darzustellen, verschlüsselt in Bernhard Sinkels TV-Mehrteiler VÄTER UND SÖHNE (1986) und in Thomas Braschs DER PASSAGIER - WELCOME TO GERMANY (1988), offen in Horst Königsteins JUD SÜSS - EIN FILM ALS VERBRECHEN? (2000). Doch der einäugige König auf dem Gebiet »Künstler im Nationalsozialismus« ist der Ungar István Szábó, der sich in dem Oscar-Gewinner MEPHISTO (1980) dem Phänomen Gustaf Gründgens zuwandte und jetzt zur Berlinale einen Film über den Stardirigenten Wilhelm Furtwängler (1886 - 1954) vorlegt. Vom 16. Oktober 2000 an wurde achteinhalb Wochen lang in Deutschland gedreht.

Die Tendenz ist eine völlig andere als bei MEPHISTO; leider vermag auch TAKING SIDES sein Potenzial nicht richtig auszuschöpfen. In beiden Fällen liegt das Problem bei der literarischen Vorlage. Klaus Mann, der Verfasser des Romans »Mephisto« (1936), war ein gescheiterter Schauspieler, der über die Figur des Hendrik Höfgen mit dem erfolgreichen Schauspieler Gustaf Gründgens abrechnete. Wie wenig diese Abrechnung mit Gründgens’ Karriere im Dritten Reich zu tun hatte, beweist Manns Roman »Treffpunkt im Unendlichen«, der vier Jahre früher entstand, als der Autor noch gar nicht wissen konnte, was in den kommenden Jahren passieren würde. In diesem Buch hieß Gründgens Gregor Gregori und war Tänzer - auch an dieser Tätigkeit hatte sich Klaus Mann erfolglos versucht. Manns, und auch Szábós Botschaft in der Verfilmung, lautete, wie es die Kritikerin Pauline Kael sehr treffend im »New Yorker« vom 17. Mai 1982 formulierte: »Nur ein toter Schauspieler ist ein guter Schauspieler«. Der pathologische Hass introvertierter Akademiker auf extrovertierte Künstler sollte einmal psychoanalytisch untersucht werden. Rational zu begründen ist er nicht. Gegen die Behauptung, Künstler hätten das Regime gestützt, gibt es sogar einen schlagenden Beweis: Zarah Leander, der mit Abstand größte Star der NS-Kulturindustrie, hat Ende 1942 Deutschland verlassen, als die Unterhaltung kriegswichtig wurde. Ist das Regime deshalb zusammengebrochen? Schön wäre es gewesen, aber es war nicht so. Die Deutschen haben nicht gebrüllt: Wir wollen unsere Zarah wieder haben, wir kämpfen solange nicht mehr weiter. Gustaf Gründgens ist zu derselben Zeit zum Militär gegangen, um nicht mehr am Staatstheater spielen zu müssen, und hat das etwas bewirkt? Auch nicht. Wilhelm Furtwängler wäre im Fall eines Abtretens durch Herbert von Karajan ersetzt worden. Und Karajan durch jemand anderen.

Präziser formuliert: Die Funktion der Künstler im Dritten Reich wird kolossal überschätzt. Es ist bedauerlich, dass Szábó dem Mann-Buch (das die Überschätzung der Künstler enorm gefördert hat) so wenig Eigenes hinzufügt. Immerhin konnte er den unerträglichen Rassismus der Vorlage eliminieren: Die schwarze Geliebte von Hendrik Höfgen wird bei Szábó charakterlich aufgewertet. Doch eine Gebrauchsanweisung dafür, wie man sich als Künstler in totalitären Systemen verhalten sollte, vermag Szábó nicht zu liefern.

Zu wenig Distanz ist das Problem bei Klaus Manns »Mephisto«, zu viel Distanz ist es bei Ronald Harwoods Furtwängler-Stück »Taking Sides«. Wie Gründgens war Furtwängler ein Protégé von Hermann Göring. Die Protektion ermöglichte es ihm, Verfolgten zu helfen; als Gegenleistung musste er den Obergangstern vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Hand geben. Der heterosexuelle, reservierte Furtwängler ist weniger angreifbar als der schwule, überspannte Gründgens. Dem Dirigenten werden zwar Kontakte zu Prostituierten nachgesagt, doch allzu ergiebig ist sein Privatleben nicht für eine denunziatorische Nabelschau.

Szábós Film beginnt in den letzten Monaten des Dritten Reichs. Trotz Fliegeralarm findet ein Konzert für die Elite statt. Da-da-da-daaaaaaaa! Da-da-da-daaaaaaa! Beethovens Fünfte Symphonie, gespielt vom Berliner Philharmonischen Orchester. Das ist der erste bedauernswerte Déjà-vu-Effekt, den Szábó sich leistet. Dieses Musikstück hat man zu oft gehört, und was danach passiert, ist auch nicht gerade originell. Plötzlich geht das Licht aus, das Konzert muss abgebrochen werden. Die Deutschen musizieren, während drumherum die Welt untergeht. Kurzer Zeitsprung: Uniformierte Männer suchen Furtwängler (Stellan Skarsgard) in seiner Wohnung auf und erklären ihm, er würde müde aussehen; er solle doch für einige Zeit ins Ausland gehen. Noch ein Zeitsprung: Der Krieg ist vorbei. Der US-Major Steve Arnold (Harvey Keitel) sieht einen Dokumentarfilm über die Vernichtungslager und schimpft über die Deutschen: »Sie sind alle schuldig«. Sein Vorgesetzter General Wallace (R.Lee Ermey) gibt ihm den Auftrag, Furtwängler zu erledigen und zu dem Zweck belastendes Material zu beschaffen.

Arnold ist ein Kunstbanause, er bezeichnet Furtwängler als einen Bandleader und vergleicht ihn mit Bob Hope und Betty Grable, zwei herausragenden Stars der US-Truppenbetreuung. Damit er die deutsche Mentalität besser versteht, teilt man ihm als Sekretärin Emmi Straube (Birgit Minichmayr) zu, die drei Monate im KZ gewesen ist, da ihr Vater zu den hingerichteten Verschwörern des 20. Juli 1944 gehörte. Und ihm steht der jüdische Leutnant David Willis (Moritz Bleibtreu) zur Seite, der 1936 emigriert ist und seine Familie verloren hat. Beim Treffen mit anderen Besatzungsoffizieren merkt Arnold, wie viele potenzielle Protégés Furtwängler hat, ohne von ihnen zu wissen. Die Kulturoffiziere reißen sich um den Stardirigenten, vor allem der sowjetische Colonel Dymschitz (Oleg Tabakov, ein köstlicher Boris-Jelzin-Imitator). Die Sowjets würden einen anderen Künstler für Furtwängler opfern, irgendeinen drittklassigen Dirigenten. Hier greift Szábó etwas zu tief in die Klischeekiste. Der alkohol- und kulturliebende Russe auf der einen Seite, auf der anderen Seite der unkultivierte, kaugummikauende Amerikaner. Tatsächlich haben beide Seiten ein Auge zugedrückt, wenn ein talentierter Mitläufer Talente besaß - als Dirigent, als Geheimagent oder als Physiker.

Major Arnold sucht Verbündete. Das gestaltet sich zunächst schwierig, denn Furtwänglers Musiker sind devot, und - ein running gag - fragen alle die Stenotypistin Emmi Straube, ob sie die Tochter des großen deutschen Patrioten Straube sei. Dann gelingt Arnold ein Coup: Helmut Rode (Ulrich Tukur), die »zweite Violine«, erklärt sich bereit, Furtwängler zu denunzieren, wenn er dafür einen neuen Job bekommt. Rode behauptet, sein Dirigent sei Antisemit gewesen und hätte gegen Arnold Schönberg polemisiert, außerdem habe er einen Musikkritiker nach Stalingrad geschickt, weil dieser ihn schlecht gemacht und Herbert von Karajan bevorzugt hätte. Arnold hat einen Trumpf in der Hand, er hat einen wunden Punkt bei Furtwängler gefunden. Dieser erträgt es nicht einmal, den Namen des jüngeren Karajan auch nur auszusprechen.

Arnolds Mitarbeiter halten nicht mehr lange zu ihm. Emmi wird von Arnold instruiert, Furtwängler nicht zu grüßen und ihn im Gang warten zu lassen, aber irgendwann bricht sie ihr Schweigen und fragt ihren Vorgesetzten, der das Dritte Reich nur vom Hörensagen kennt: »Wie könnt Ihr das alles beurteilen?« Sogar David, einziger Überlebender seiner Familie, wird zum Verteidiger Furtwänglers. Zwischen Emmi und David beginnt eine zärtliche Liebesgeschichte, die Szábó nie übertreibt. Leider ist das Sprachenproblem unzureichend gelöst. Wie in Jean-Jacques Annauds letztjährigem ENEMY AT THE GATES reden die Komparsen in ihrer eigenen Sprache, die Hauptdarsteller jedoch Englisch. Der Russe Dymschitz redet den Deutschen Furtwängler auf Englisch an, was soll das? Immerhin spricht Capitaine Vernais (Robin Renucci) Französisch, und dass deutsche Kinder auf Englisch nach Kaugummis fragen können, glaubt man gern. Die Nationalsozialisten im Prolog sprechen untereinander Englisch. Woher können Furtwänglers Musiker Englisch?

Bedauernswert ist auch die Vernachlässigung der Nebenfiguren. Bedeutende Schauspieler wie Armin Rohde, Hanns Zischler und August Zirner werden zu Kleindarstellern degradiert. Dann kommen auch die Amerikaner zu schlecht weg. Ausgerechnet Harvey Keitel, vielleicht der stärkste Darsteller im Ensemble, ist hier von allen am schwächsten und liefert eine Knallcharge ab: Keitel ist der Klischee-Amerikaner, eine Karikatur. Man denke nur zum Vergleich an den weisen Spencer Tracy in Stanley Kramers JUDGMENT AT NUREMBERG (1961), der ebenso freundlich wie skeptisch den Ausreden der deutschen Zeugen zuhört. Keitels Arnold ist ein Elefant im Porzellanladen. Und sein Vorgesetzter Wallace ist noch schlimmer - ihn spielt R.Lee Ermey, der gnadenlose und primitive Einpeitscher aus Stanley Kubricks FULL METAL JACKET (1987). In Szábós Welt gibt es keine sensiblen Amerikaner, nur Militaristen von der übelsten Sorte.

Andererseits ist die Ignoranz dieser Figuren, inklusive ihrer Selbstgerechtigkeit, aktuell. Wir leben in einer Diktatur der Ahnungslosen. Furtwängler bekommt garantiert Szenenapplaus, wenn er zu Arnold sagt: »Machen Sie erst einmal Ihre Hausaufgaben«. Arnold hat eine Meinung, aber keine Ahnung. Ihn belehrt Dymschitz mit dem Hinweis: »Es gab Parteigänger, die geholfen haben, und Nichtmitglieder, die denunziert haben«. Und als ihm keine Argumente mehr einfallen, entlarvt sich Arnold mit dem Wutausbruch: »I blame you for not having been hanged - Ich werfe Ihnen vor, nicht gehängt worden zu sein«. Nur ein toter nicht emigrierter Deutscher ist ein guter Deutscher. Arnold ruft Emmis hingerichteten Vater als Kronzeugen auf. Aber das geht nach hinten los. Emmi weist ihn darauf hin, dass ihr Vater erst nach der verschlechterten Kriegslage gegen Hitler opponiert habe. Und sie erkennt in Arnolds Gebrülle den Ton des Blutrichters Roland Freisler wieder.

Warum lassen solche wichtigen Unterhaltungen kalt? Zum Teil ist es die Schuld der Regie. Zu lange sieht man kleine Menschen verloren in riesigen Räumen stehen; der Kinobesucher fühlt sich wie ein Theaterbesucher in der letzten Reihe. Bei der Verfilmung eines Theaterstücks kann der Regisseur die Vorlage völlig vergessen machen oder das Theaterhafte bewusst betonen. Szábó verfährt etwas halbherzig, er betreibt ein konventionelles opening up des Stückes und lässt ein paar Szenen außerhalb des Gerichtsgebäudes spielen, die jedoch zu offensichtlich als hastige Ergänzung erkennbar sind. Das Zentrum bleiben drei große Verhörszenen zwischen Arnold und Furtwängler.

Für die Außenaufnahmen hat der mehrfache Oscar-Preisträger Ken Adam (BARRY LYNDON) beeindruckende Trümmerlandschaften entworfen, die leider zu wenig genutzt werden. Hier sieht man ein paar Schwarzhändler, dort findet ein Open-Air-Konzert statt; in der Straßenbahn wird Furtwängler ein Platz angeboten, obwohl er definitiv nicht der älteste Fahrgast ist; David und Emmi suchen ein Casino auf. Störend ist die Farbgebung des Kameramanns Lajos Koltai (MALENA), der mal uninteressante, mal kitschige Bilder liefert; seine Pallette besteht fast nur aus Orange und Braun, so dass man sich fühlt wie in einem Bienenstock. TAKING SIDES hat alle Schwächen einer Medium-Budget-Produktion, er ist weder ein Spektakel noch ein dichtes Kammerspiel. Das Budget betrug 12 Millionen Dollar.

Zu empfehlen ist Szábós Werk, weil es interessante Fragen aufwirft. Ist ein Mensch schuldig, wenn er im Dritten Reich unbehelligt leben und sogar hohe Posten bekleiden durfte? Kann ein Künstler sich sein Publikum aussuchen? Soll er, wenn Adolf Hitler den Saal betritt, den Taktstock hinlegen und gehen? Niemand schimpft auf Briefträger oder Schuster, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihrer Arbeit nachgegangen sind, warum werden dann die Künstler diskreditiert? Wenn sich Furtwängler nach 1945 darum bemüht, weiterarbeiten zu können, tut er das nicht aus Eitelkeit, sondern weil er Geld braucht. Ist es verwerflich, Geld zum Leben verdienen zu wollen?

Fragen über Fragen, von denen nicht ein Bruchteil in TAKING SIDES beantwortet wird. Schade auch, dass David Willis den Dirigenten aus den falschen Gründen verteidigt. Er verteidigt ihn wegen seines Genies. Doch bei der moralischen Bewertung eines Künstlers sollte dessen Charakter ausschlaggebend sein und nicht sein Talent. Es ist ungerecht, mittelmäßige Künstler laufen zu lassen, wie es in der Realität geschah, und den ganz Großen wegen ihrer Leistungen Vorwürfe zu machen. Szábó selbst äußert sich mittlerweile versöhnlicher als zu Zeiten von MEPHISTO: »Der Künstler braucht eine Bühne«, äußerte er sich kürzlich verständnisvoll. In TAKING SIDES kommt diese Haltung nicht zum Ausdruck, noch kommt sonst eine klare Haltung zum Vorschein. TAKING SIDES ist einer jener vielversprechenden Filme, die nicht einen Bruchteil ihrer Versprechen einlösen.
 

Taking Sides
  16.2./22:30 Berlinale Palast
  17.2./15:00 Royal Palast
  17.2./20:00 International
  17.2./23:30 Royal Palast
 

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