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Der Patriarch das Chaos

ROYAL TENENBAUMS von Wes Anderson

von Ulf Frimmo


Königlich, wie es der Filmtitel vermuten ließe, sind die Tenenbaums nicht, sie sind nicht einmal von Adel. Royal ist nur der Vorname des Familienoberhaupts, das gleich zu Beginn mitsamt der übrigen Tenenbaum-Schar in kurzer Charakterisierung aus dem Off vorgestellt wird. Dabei wird auch schon klar: Die Tenenbaums sind eigentlich nicht einmal eine richtige Familie, jedenfalls keine für die Regenbogenpresse, mit gemeinsamem Tannenbaum und Thanksgiving-Braten. Eher eine bunte Ansammlung skurriler Figuren aus drei Generationen, die zufällig mit einander verwandt sind, und dies möglicherweise stärker im geistig-psychischen als im biologischen Sinn.

Was wunder also, dass auch Wes Andersons neuer Film weniger ein Film ist als ein Buch, ein Bilder-Buch, das auf die Leinwand geraten ist - und folgerichtig ganz buchgemäß in Kapiteln daherkommt, jedes davon einzeln aufgeschlagen und im Stile bibliophiler Kostbarkeiten mit Schmuckinitialen versehen. Mediengeschichtlich gesehen ist The Royal Tenenbaums also zweifellos ein herber Anachronismus. Allerdings hat solches Zusammenfügen von eigentlich Unvereinbarem in der Figurenzeichnung seine Entsprechung - und damit sogar einen Sinn: Die scheinbare Wohlgeordnetheit, ja Noblesse der erzählerischen Form lässt das Schrille, das Chaotische der handelnden Figuren und ihrer Beziehungen nur umso grotesker hervortreten.

Da ist zunächst Royal selbst (Gene Hackman mit soviel Verve und Spiellaune wie lange nicht mehr), ehemals erfolgreich als Anwalt, inzwischen durch Finanzmanipulationen des eigenen Sohnes in den Ruin getrieben. Er ist dem Frust des Ehelebens schon seit Jahren in ein nobles Hotel als Dauergast entfleucht, das ihn nun mangels ausreichender Finanzen vor die Tür setzt. Gattin Etheline (Anjelica Huston) hat sich in den drei Ehejahrzehnten nie von ihm scheiden lassen, doch seinen Versuch, sich mit einer vorgetäuschten Krebserkrankung wieder bei ihr einzuschleichen, weist sie kühl ab - zumal auch der langjährige Finanzberater der Tenenbaums ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und erst die drei erwachsenen Kinder! Die genialen Begabungen ihrer Kindertage scheinen ins Nichts zerstoben, ihre Partnerbeziehungen sind eine einzige Katastrophe, und nach all den gescheiterten Versuchen der Abnabelung streben sie nun alle wieder ins bald restlos überfüllte Elternhaus in der Archer Street: der Ex-Tenniscrack Richie (Luke Wilson) leidet nach einem Nervenzusammenbruch auf dem Center Court nur noch an Weltschmerz und unerfüllter Liebe zu seiner Adoptivschwester Margot (Gwyneth Paltrow). Deren Karriere als einst gefeierte Autorin ist im Wirrwarr ihres Liebeslebens längst verdorrt, und Chaz (Ben Stiller), das Ex-Finanzgenie, ist als Witwer nur noch ein erbärmlicher Vater für seine zwei Söhne, deren Namen Ari und Uzi eher an Waffen- als an Immobiliengeschäfte denken lassen. Hinzu kommen noch ein indisches Faktotum namens Pagoda, diverse weitere Personen sowie ein Hund und - auch das! - Dalmatinermäuse.

Ein wahres Panoptikum der Skurrilität, dazu eine Starbesetzung vom Feinsten - und doch bleibt am Ende wenig zurück. Zu sehr lässt Anderson der offensichtlichen Spiellaune seiner prominenten Darsteller die Zügel schleifen, zu verliebt ist er auch in die Marotten, Ticks und Schrullen seiner zahllosen Haupt- und Nebenfiguren, als dass daraus ein in sich geschlossener Stoff hätte werden können. »Wir hatten bereits eine genaue Vorstellung von den einzelnen Figuren, bevor wir anfingen, uns eine Geschichte für sie auszudenken«, so hat Anderson den Entstehungsprozess des Drehbuchs geschildert, das er gemeinsam mit Owen Wilson geschrieben hat. »Keiner meiner Filme begann mit der Geschichte. Wir sind immer von den Figuren ausgegangen und haben abgewartet, wo sie uns in der Handlung hinführen.« Eben!

Hätte er doch länger abgewartet! Dann hätte sich auch eine so gewaltige Personnage in eine überzeugendere Erzählstruktur einbinden und das nicht minder gewaltige mimische Potential seiner Besetzung zu tieferer Charakterzeichnung nutzen lassen - Robert Altman hat dies immer wieder meisterlich vorgeführt! So aber führt der Film uns die Figuren vor wie auf einer Guckkastenbühne: skurrile, in oft grellen Farben bemalte Nippes-Figurinen, die, Kapitel für Kapitel, immer wieder vor unseren Augen auftauchen und schon vergessen sind, sobald die nächsten ins Blickfeld rücken. Der Erzählstil schwankt irritierend zwischen Slapstick, hintergründigem Witz und unvermittelter Ernsthaftigkeit, stabile Stimmungen sind mit solchem Verfahren kaum zu erzeugen. Gegenüber dem reichlichen Wortwitz scheint Andersons visuelle Fantasie arg unterbelichtet. Ein paar Mal immerhin blitzt in Dialogen, etwa zwischen Margot und ihrem Noch-Ehemann Raleigh (perfekt besetzt durch Bill Murray) etwas von dem auf, was Andersons Film hätte werden können: eine Art absurdes Theater à la »Warten auf Godot«, grell inszeniert und amüsant aufbereitet für die Spaßgeneration von heute.
 

The Royal Tenenbaums
  13.2./12:30 Berlinale Palast
  13.2./19:30 Berlinale Palast
  14.2./12:00 Royal Palast
  14.2./18:30 Royal Palast
  14.2./22:30 International
 

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