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interview / Ausgabe Nr.30

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Dieter Kosslick


Blick zurück in Erwartung


Nach 21 Jahren Moritz de Hadeln hat die Berlinale seit 1. Mai letzten Jahres einen neuen Chef: den langjährigen Geschäftsführer der finanzstarken Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, Dieter Kosslick. Wie der seine Arbeit sieht und welche Veränderungen er für das wichtigste deutsche Filmfestival plant, erläutert er im Interview mit Hans-Günther Dicks, das im August 2001 geführt wurde. Seine unmittelbar bevorstehende erste Berlinale erlaubt eine erste Prüfung: Hat Dieter Kosslick seine Vorstellungen verwirklicht?

In einem In einem Zeitungsinterview kurz vor Amtsantritt haben Sie sich mit einem kleinen Jungen verglichen, der sonntags ungeduldig vor einem Spielzeugladen steht, der erst montags wieder öffnet. Jetzt sind Sie seit ein paar Monaten drinnen. Haben Sie Ihr Spielzeug bekommen?

Ich denke, ich würde das heute nicht mehr so kindlich beschreiben, wie ich das da gemacht habe. Damals beschrieb ich eine gewisse Unruhe. Der Prozess bis zur Amtsübergabe hat einfach zu lange gedauert, und ich wusste, dass ich in große Zeitnot kommen würde, das nächste Festival zu organisieren zusammen mit meinen Kollegen. Aber jetzt, wo ich drin bin, muss ich sagen: Ein Spielzeugladen ist das nicht, sondern eine große Maschine, die man sehr ernsthaft betreiben muss, damit sie läuft. Und die letzten zwei drei Monate habe ich mich mit dem sehr komplizierten Innenleben dieser Maschinerie beschäftigt, von Akkreditierungssystem bis Gästesysteme bis zur Politik. Ich bin natürlich mit meiner Nettigkeit auch schon auf der einen oder anderen Bananenschale ausgerutscht, das bleibt nicht aus. Man kennt das ja: Jemand will, dass sein Film so und so auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, und wenn ich dann dazu irgendwas gesagt habe, dann wurde das hinterher ganz anders wiedergegeben, als ich es gesagt habe. Ich weiß, dass es da großen Erwartungsdruck gibt. Aber viel wichtiger ist für mich, dass wir uns Gedanken machen, wie wir die Berlinale neu positionieren, um mal dieses neue Wort zu gebrauchen.

Was bedeutet dieses Neupositionieren für die deutsche Präsenz auf der Berlinale? Bei der deutschen Reihe hat es ja die einzige personelle Neubesetzung gegeben.

Nein, da gibt es eine Konfusion. Heinz Badewitz, verantwortlich für die deutsche Reihe, wird auch weiterhin in dieser Sache beim Festival arbeiten. Ich habe nur gesagt, ich weiß, dass mit dem Wechsel ein riesiger Erwartungsdruck berechtigterweise da ist, den wir auf jeden Fall versuchen müssen zu lösen, nämlich: Was ist mit dem deutschen Film? Nun ist es ja so, ich kann ja keine deutschen Filme erfinden. Das einzige, was ich machen kann, ist, möglichst genau informiert zu sein über die deutsche Filmszene und möglichst gute Kontakte zu haben mit allen Regisseuren und allen Institutionen, die am deutschen Film beteiligt sind. Dadurch wird automatisch etwas entstehen, was eine größere Beteiligung des deutschen Films ergibt, und das sollte personell auch mit Alfred Holighaus erreicht werden, der ja nun auch schon seit sieben Jahren die Szene bestens kennt.

Sie sind offenbar optimistischer in Sachen deutscher Film als die meisten meiner Kollegen?

Es gibt ja auch viele spannende deutsche Filme. Die Frage ist nur: Sind das Filme, die man z.B. auf der Berlinale oder sogar im Wettbewerb zeigen kann? Da ich sehr viele Filme kenne und sehr viele Regisseure kenne, ist es nicht nur Berufsoptimismus, was ich da verstreue, sondern das kommt tatsächlich aus der Kenntnis heraus, was für Begabungen hier in Deutschland am Werken sind. Dieses Klagen und Lamentieren, dem deutschen Film geht es schlecht, das mag ich nicht. Seit zwanzig Jahren arbeite ich beim deutschen Film, und seit zwanzig Jahren mache ich die Erfahrung, dass es doch immer wieder so was wie Das Experiment gibt oder Die innere Sicherheit, und dann gibt es ja auch solche Filme, die deutsche Koproduktionen sind wie z.B. Amelie. Darüber redet keiner, dass das eine deutsch-französische Koproduktion ist. Amelie wird wahrscheinlich der erfolgreichste europäische Film der Filmgeschichte werden, und das Schöne daran ist, dass es eine französisch-deutsche Koproduktion ist. Aber nein, das wird den Franzosen zugeschrieben und gesagt, da sieht man mal, wie toll die Franzosen Filme machen können. Also das ist nach wie vor die alte Nummer mit dem Glas Wasser: Ist es halb voll oder halb leer? Ich gehöre halt zu der Gruppe, die sagt: Halbvoll.

Aber auf den Wettbewerb muss sich das noch nicht auswirken?

Nein. Es wäre auch gefährlich, quasi eine Quotierung vorzunehmen und zu sagen: Egal, was kommt, wir werden fünf deutsche Filme in den Wettbewerb nehmen. Wir würden den Filmemachern, den Produzenten, den Verleihern, dem Publikum, der Berlinale, niemandem einem Gefallen tun, weil alle sagen würden, der Kosslick hat ne große Klappe gehabt, und nun versucht er, das zu realisieren, und da schau mal, was er uns präsentiert. Nein, das muss man viel verantwortungsbewusster gegenüber der deutschen Filmindustrie handhaben. Man tut dem deutschen Film im Zusammenhang mit der Berlinale nur einen Gefallen, indem man ihn offensiv vertritt, und wenn es eine Qualität gibt, die zu den einzelnen Reihen passt, dann muss der Film programmiert werden. In diesem Zusammenhang kann man wirklich nach Cannes schauen. Das ist wirklich vorbildlich im wahrsten Sinne des Wortes, wie dort der französische Film positioniert wird.

Aber konkret, auch ohne dass Sie mir jetzt die Titel verraten sollen: Gibt es schon einen deutschen Anwärter auf den Wettbewerb?

Ich bin doch nicht blöd, die Titel jetzt zu nennen. Aber es gibt ganz konkret zwei Filme, von denen ich mir vorstellen kann, wenn man vergleicht, was überhaupt in den Wettbewerb kommt, dass die dann mithalten können. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass es bei der Berlinale eine große deutsche Beteiligung geben wird, und das in allen Bereichen.

Sie haben davon gesprochen, die Berlinale solle ein wenig umstrukturiert werden in Richtung ğMarkt der TalenteĞ. Bezieht sich das auch auf den nicht-deutschen Bereich?

Ja. Das muss nicht Markt der Talente heißen, aber wir würden ganz gerne anfangen - es dauert ja auch immer einige Zeit, das aufzubauen und sich speziell mit dem Nachwuchs zu beschäftigen - mehr Nachwuchsleute auf der Berlinale zu haben, und nicht nur aus Deutschland, sondern aus Europa und auch international. Dazu werden wir uns geeignete Veranstaltungen einfallen lassen, wo wir für den Nachwuchs etwas tun und den Nachwuchs auch mehr in die Berlinale integrieren können.

Sind denn die Auswähler im Ausland auch schon darauf eingestellt, dort speziell junge Talente zu suchen? Die findet man ja nicht unbedingt auf den gleichen Wegen wie die anderen Filme.

Nein, und das habe ich auch gemerkt bei den deutschen Filmen. Dadurch, dass ich anders über den deutschen Film rede, und das habe ich ja schon immer getan, ist das Vertrauen, einen Film in einem bestimmten Zustand auch den Berlinale-Leuten zu zeigen, enorm gestiegen. Es herrscht auch da eine gute Stimmung für die Berlinale 2002, jedenfalls ist das mein Gefühl. In der deutschen Filmszene würde man ganz gerne die Berlinale zu seinem Festival machen, und ich denke, etwas besseres könnte uns ja nicht passieren. Aber so ein Festival ist ein hartes Pflaster, das muss jeder wissen, das ist ja auch in anderen Bereichen so, und das Ding heißt Wettbewerb. Ich denke, da gibt es so eine subjektive Generalangst, nicht allein, sondern mit vielen anderen da zu stehen und Kritik auszuhalten, und diese Angst versuche ich den Leuten zu nehmen. Ich würde ihnen sagen, dass sie in mir einen Festivaldirektor haben, der auf jeden Fall, auch wenn es regnet, nicht gleich flüchtet, sondern der einen Schirm für die künstlerischen Kollegen hat.

Anderes Stichwort: US-Präsenz und der Vorwurf, die Berlinale habe bisher zu sehr die Werbe- und Verkaufsstrategien der großen Hollywood-Studios bedient. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, auch das betrifft wiederum alle großen Festivals, allerdings die Berlinale extrem. Glücklicherweise, denn man kann ja sagen was man will gegen den Februar und das winterlich kalte Klima, aber filmwirtschaftlich ist das natürlich der beste Platz im Kalender, den es gibt. Im Frühjahr kommen die neuen amerikanischen Filme heraus, die Berlinale liegt kurz vor diesen Startterminen in den USA, und so wird sie automatisch auch eine Art Promotion- und Marketingveranstaltung, und wenn ein amerikanischer Film im März ins Kino kommt, werde ich, wenn das ein geeigneter Film für die Berlinale ist, natürlich versuchen, dass dieser Film bei der Berlinale seine europäische oder sogar Weltpremiere hat. Und wenn dann die Stars dazu kommen, ist das doch schön. Ich will es mal umgekehrt sagen: Warum sollten denn die amerikanischen Stars zur Berlinale kommen, wenn ihre Filme hier nicht laufen? Ich habe davor keine Angst.

 

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