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filmkritik / Ausgabe Nr.28

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JUD SÜSSVERA BRÜHNEVERA BRÜHNE



Revision auf Zelluloid

Zwei neue deutsche Justizfilme bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück: VERA BRÜHNE und JUD SÜSS - EIN FILM ALS VERBRECHEN?

Von Frank Noack

 


Man könnte endlos lange darüber debattieren, welchem Regisseur der beste Justizfilm aller Zeiten gelungen ist. Es spricht einiges dafür, Oliver Stone für diese Leistung zu würdigen, denn kein anderer Beitrag zu dem Genre beleuchtet so viele Aspekte eines juristischen Verfahrens wie JFK (1991). Hier kommen nicht nur Rednerduelle im Gerichtssaal vor, es wird auch die mühsame Arbeit der Ermittler dargestellt, das Medienecho geschildert, und außerdem wird in Rückblenden der Mord an John F. Kennedy, dessen nähere Umstände bis heute die Fantasie beflügeln, in allen Variationen durchgespielt. Oliver Stone hat es gewagt, jene Fakten, die sonst nur in Büchern vorkommen und für eine filmische Darstellung aus dramaturgischen Gründen gestrichen werden, zu visualisieren.

Wenn jetzt Hark Bohm seinen 280-minütigen SAT.1-Film VERA BRÜHNE im Stil von Stones JFK gedreht hat, möchte man nicht von einem Plagiat sprechen; vielmehr hat Bohm die einzige sich anbietende Form gewählt. Schade nur, dass ihm das erforderliche Talent fehlte, um den epochalen deutschen Justizfilm zustandezubringen. Am Thema kann es kaum gelegen haben. Am Budget auch nicht. Letzteres wird gern als Grund dafür angegeben, dass deutsche Filme international nicht konkurrenzfähig sind. VERA BRÜHNE ist tadellos ausgestattet, bis in die kleinsten Rollen hinein gut besetzt und hat mit Corinna Harfouch eine Hauptdarstellerin, die Erinnerungen an die großen tough ladies des klassischen Hollywoodkinos weckt, Frauen wie Joan Crawford und Barbara Stanwyck.

Bei JFK war man als Zuschauer vorübergehend völlig desorientiert, doch man wusste sich in den sicheren Händen eines Meisters. Je unüberschaubarer das Geschehen anmutete, um so größer war die Spannung. Hark Bohm, dem wir ein paar solide, sympathische Filme zu verdanken haben (NORDSEE IST MORDSEE; MORITZ, LIEBER MORITZ), ist mit der verschachtelten Erzählweise, mit den zahlreichen Zeitsprüngen hoffnungslos überfordert. Der umgekehrte Effekt von JFK entsteht: Man verliert nie den Überblick über die Handlung, weiß aber nicht so recht, worauf der Regisseur hinaus will. Oliver Stone hat ganz bewusst bestimmte Fakten in der fünften Minute enthüllt und andere erst in der hundertsten. Bohm legt einige Karten zu früh auf den Tisch und spielt andere überhaupt nicht aus. Der gelernte Jurist hätte sich mit der Recherche begnügen sollen - die ist hervorragend - , um das Drehbuch und die Regie größeren Könnern zu überlassen. Fragt sich bloß, welchen Könnern? Die besten deutschen Filme der letzten Jahre waren kleine, intime Filme wie Oskar Roehlers DIE UNBERÜHRBARE, Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT und Andreas Dresens DIE POLIZISTIN. Wer hierzulande hat schon den langen Atem für einen großen, epischen Stoff? Der HEIMAT-Regisseur Edgar Reitz wäre in der Lage gewesen, eine Fülle von Personen und Handlungen kunstvoll miteinander zu verbinden, doch Reitz ist kein Auftragsregisseur, der mal eben für Produzent Bernd Eichinger einen SAT.1-Film über Vera Brühne dreht.

Vera Brühne
Vera Brühne
Vera Brühne

Zum faszinierendsten Justizfall der Bundesrepublik ist der Fall Vera Brühne deshalb geworden, weil es in ihm ebenso viele Geheimnisse wie knallharte Fakten gibt. Das unterscheidet ihn vom Fall der 1957 ermordeten Edelhure Rosemarie Nitribitt, von dem sich Eichinger 1996 zu seiner ersten Regiearbeit DAS MÄDCHEN ROSEMARIE inspirieren ließ. Die Mörder von Rosemarie Nitribitt, hinter denen hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Politik standen, haben saubere Arbeit geleistet. Mangels Fakten kann man über diesen Fall nur spekulieren, und die Handlung von DAS MÄDCHEN ROSEMARIE war durch ihren zwangsläufig fiktiven Charakter nicht mehr so beunruhigend wie eine wirklich »wahre Geschichte«. Hobby-Detektive haben sich immer schon mehr für den Fall Brühne interessiert, gab es doch bei ihm ausreichend Fakten, mit denen sie arbeiten konnten.

Bohms Film beginnt Ostern 1960 in einer Villa in Tutzing am Starnberger See. Dr. med. Dietrich Schwarz und seine Haushälterin werden erschossen. Der ermittelnde Polizeibeamte (Udo Wachtveitl) geht davon aus, dass der für seinen Jähzorn bekannte Arzt die Haushälterin und dann sich selbst getötet hat. Dann taucht ein Testament auf, in dem nicht der Sohn, sondern die Geliebte des Toten als Erbin benannt wird: Vera Brühne. Dem enterbten Sohn gelingt es, Fakten zu manipulieren und den Polizeibericht zu beeinflussen, so dass jetzt der Verdacht auf Vera Brühne und ihren treuen Freund Hans Ferbach (Uwe Ochsenknecht) fällt. Brühne und Fehrbach werden wegen Mordes aus Habgier jeweils zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der extravagante Lebensstil der stets gut gekleideten 50-jährigen Frau (deren zweiter Ehemann Lothar Brühne den Zarah-Leander-Hit »Der Wind hat mir ein Lied erzählt« komponiert hatte) und ihre wilden Parties in der Münchner High Society tragen wesentlich zu ihrer Verurteilung bei. Unter Fachleuten bleibt das Urteil umstritten, doch sämtliche Anträge auf Revision werden zurückgewiesen.

Immer mehr Fakten, die für Brühnes und Fehrbachs Unschuld sprechen, tauchen auf. Der ermordete Dr. Schwarz, stellt sich heraus, war in Waffengeschäfte verwickelt, und der Bundesnachrichtendienst hat seine Hände im Spiel. Möglicherweise lebt Vera Brühne im Gefängnis sicherer als in Freiheit, da sich mysteriöse Todesfälle unter den am Fall Beteiligten mehren. Im Dezember 1979 schließlich wird Vera Brühne vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß begnadigt. Ein politischer Schachzug? Hatte der Kanzlerkandidat Angst, zusätzliche Enthüllungen im Fall Brühne könnten seine eigene Verwicklung in den Fall belegen?

Für den angeblichen Mordkomplizen Hans Ferbach kommt die überraschende Wendung im Fall Brühne zu spät. Der rechtschaffene Arbeiter, der Vera Brühne in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs das Leben gerettet hatte, stirbt 1970 im Zuchthaus an Herzversagen. Was für ein Stoff! Sex & Crime, Unrecht im Rechtsstaat, der Kampf eines engagierten jungen Anwalts (Hans Werner Meyer) um Wiederaufnahme des Verfahrens gegen eine undurchschaubare Politiker- und Juristenmafia. Hark Bohms Film vermittelt immer wieder eine Ahnung davon, wie aufregend er hätte werden können. Im Detail ist er ganz hervorragend. Wenn Vera Brühne unerwartet nach einem Verhör in die Gefängniszelle muss und nicht noch einmal zu sich nachhause darf, bittet sie die Wärterin verzweifelt um Shampoo und Lockenwickler - für sie ist es eine Horrorvision, schlecht frisiert zum nächsten Verhör gehen zu müssen. Solche Details verraten Bohms Respekt vor dem Thema. Vielleicht könnte man das Werk noch einmal komplett umschneiden und neu komponieren - Stephan Zacharias’ Musik ist eine Zumutung und bestenfalls für einen Guido Knopp-Beitrag geeignet. Dann bleiben jedoch immer noch einige dilettantisch gefilmte Rückblenden. Nichts spricht dagegen, Rückblenden durch Farbfilter oder sonstige Verfremdungseffekte zu kennzeichnen, aber man muss doch wenigstens etwas erkennen können. Es ist schön für Vera Brühne, dass sie die Herstellung dieses Films noch erleben und Corinna Harfouch persönlich kennenlernen durfte; dass sie das Endprodukt nicht mehr sehen konnte, mag man dagegen kaum bedauern.

Vera Brühne wurde vom Gericht schuldig gesprochen, galt aber unter aufgeklärten Beobachtern des Prozesses als unschuldig. Bei Veit Harlan liegt der Fall genau umgekehrt. Der Regisseur des antisemitischen Hetzfilms JUD SÜSS (1940) wurde 1949 und 1950 in zwei Prozessen freigesprochen, blieb jedoch für die kritische Öffentlichkeit schuldig und konnte sich nie vom Image des Nazi-Regisseurs befreien. Auch über diesen Fall gibt es jetzt einen Film: Horst Königsteins JUD SÜSS - EIN FILM ALS VERBRECHEN?, der im Mai auf dem 11. Schweriner FilmKunstFest präsentiert worden ist und im Laufe des Jahres auf Arte gezeigt werden soll. Bei der Bewertung muss man nachsichtiger sein als bei VERA BRÜHNE, denn Königstein stand nur ein Bruchteil des Budgets zur Verfügung, mit dem Eichinger und Bohm arbeiten konnten. Doch wie im Fall VERA BRÜHNE ist auch beim Film zum Harlan-Prozess das Budget nicht das einzige Problem. Eine Schul-Aula wurde überzeugend zum Gerichtssaal umfunktioniert, die Kostüme und Frisuren lassen nichts zu wünschen übrig. Einigen Darstellern gelingt es sogar, das Wesen ihrer historischen Figuren zu erfassen, allen voran Axel Milberg als Veit Harlan. Wenn der insgesamt ausgewogene Film etwas zugunsten Harlans zu argumentieren scheint, dann liegt es daran, dass Milberg die mit Abstand beste Leistung gibt. Eindrucksvoll gestaltet er einen Mann, der ichbezogen und verantwortungslos handelt, ohne dass man ihn als wirklich schlecht bezeichnen könnte. Nur am Ende, wenn Harlan seinen Freispruch hört, sehen wir das bekannte fiese Milberg-Grinsen, das dieser bewährte Darsteller kleinbürgerlicher Psychopathen schon so oft vorgeführt hat.

JUD SÜSS

Königstein lässt die Gegenseite zu Wort kommen: Ralph Giordano, der während des Dritten Reiches eine JUD SÜSS-Vorstellung besucht hat, obwohl der Kinobesuch für Juden untersagt war, verlor durch diesen Hetzfilm einen Freund, der sich von Harlans Film mitreißen ließ. Giordano schildert in neu geführten Interviews seine Gefühle und wird in den historischen Rekonstruktionen des Prozesses bewegend dargestellt. Das ist Ausgewogenheit im positiven Sinne: Königstein lässt die Aussagen von Harlan-Gegnern und -verteidigern als gleichwertig im Raum stehen. Er macht deutlich, wie schwer ein Urteil zu fällen ist, wenn man erst einmal alle Seiten angehört hat. Dass ein Verfolgter des Regimes wie Giordano Harlan hassen muss, weil er zu den Mächtigen gehörte. Und dass die Filmarbeiter, von denen viele für Harlan aussagten, eine ganz andere Sichtweise vertraten.

Über diesen Film kann man gut diskutieren, das spricht für ihn. Aber er hätte besser sein müssen, trotz des geringen Budgets. Johannes Silberschneider liefert als Joseph Goebbels eine Knallcharge ab und wirkt dabei weder bedrohlich noch komisch. Da er schon in dem spanischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag LA NINA DE TUS OJOS (1999) eine ähnliche Vorstellung gegeben hatte, hätte Königstein vorgewarnt sein müssen. Für den missratenen Goebbels entschädigt Olaf Rauschenbach, einer der besten deutschen Nachwuchsdarsteller, in der Rolle des ehrgeizigen, forschen Reichsfilmintendanten Dr. Fritz Hippler. An den 1939 bis 1940 (in der Vorbereitungszeit von JUD SÜSS) spielenden Rückblenden ist heikel, dass sie als Tatsache präsentiert werden und nicht als subjektive Erinnerungen Harlans. Es gibt zwar keinen Beweis dafür, dass Harlan sich um den Regieauftrag gerissen hätte, aber dass er sich mit Händen und Füßen gewehrt hat, wird nur von befangenen Freunden und Kollegen bestätigt. Hier ist Königstein parteiisch zugunsten Harlans, aber das macht er bei der Darstellung von Kristina Söderbaum wieder wett.

Esther Hausmann versucht nicht einmal, Harlans ewig naiver Gattin und bevorzugter Hauptdarstellerin falsche Naivität zu unterstellen. Ihre Kristina Söderbaum tritt auf wie eine nuttige Gestapoagentin. Kai Maertens merkt man wenigstens an, dass er Ferdinand Marian sein soll, der unglückliche Jud-Süss-Darsteller, aber für ein sorgfältigeres Casting fehlte der Produktion offenbar das Geld. Gustav Fröhlich, Malte Jaeger, Willi Forst - keiner dieser prominenten Zeugen im Harlan-Prozess ist auch nur annähernd getroffen. (Passabel dagegen: Gustaf Gründgens.) Königstein, der allein oder in Zusammenarbeit mit Heinrich Breloer exzellente Dokudramen inszenieren konnte - ihr gemeinsames Meisterwerk ist DAS BEIL VON WANDSBEK (1981) nach dem Roman von Arnold Zweig - , ist hier definitiv nicht in Hochform. Und wo Hark Bohm in VERA BRÜHNE verkrampft filmisch daherkommt, liefert Königstein gelegentlich Schülertheater ab. Das fällt immer dann auf, wenn eine Leistung über dem Durchschnitt steht, wie etwa Hildegard Schmahl als Ferdinand Marians Witwe Maria Byk, die während des Prozesses einen Nervenzusammenbruch erleidet und kurz darauf unter mysteriösen Umständen stirbt. Eine ergreifende Leistung, bei der man sich fragt, wieso nicht bei allen anderen Rollen dieselbe Sorgfalt angewandt worden ist.

Identisch ist in beiden Produktionen die Schwierigkeit, reichhaltiges und interessantes Material zu strukturieren. Es gibt in Königsteins Film drei Handlungsebenen: 1939/40, 1949/50, und die Gegenwart, in der neben Giordano auch Harlans Tochter Maria Körber, Harlans Sekretärin Lu Schlage und der greise Fritz Hippler aussagen. Die Verbindung dieser Ebenen hätte mehr Kunstwillen erfordert. Schließlich sind im Harlan-Prozess faszinierende, wichtige Fragen gestellt worden, allen voran die Frage nach der geistigen Mittäterschaft von Künstlern. Schade, dass sich für dieses Projekt nicht mehr Geldgeber gefunden haben. Mit einem größeren, sorgfältiger ausgewählten Team und einer längeren Vorbereitungszeit hätte Königstein einen so großen Wurf landen können wie sein häufiger Mitarbeiter Heinrich Breloer mit dem TODESSPIEL (1997). Die jüngere deutsche Geschichte ist reich an Vorfällen, die sich auf faszinierende Weise filmisch umsetzen lassen.

 


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