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filmkritik / Ausgabe Nr.28 |
Liebeserklärung an den KriegWenn Ansichten des Krieges ein Resultat der Technik sind: PEARL HARBOR Von Jürgen Kiontke |
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  PEARL HARBOR soll die fette, dicke Liebesgeschichte sein und marktgerecht TITANIC, den Welterfolg von James Cameron, im Umsatz überholen. Teuerste Filmproduktion seit Kinobestehen, Blockbuster-Produzenten, Sprengstoff in Massen, schöne junge Menschen. Hatte Cameron für sein Liebespaar den, nennen wir ihn mal »Superdampfer der Herzen« - das steht heutzutage für grandios scheiternde Finalisten - im Zweikampf Eisberg contra Stahlriese ein zweites Mal versenkt, war das PEARL HARBOR-Team Bruckheimer/Bay (ARMAGEDDON, THE ROCK) offensichtlich der Meinung: Wenn’s mit einem abgesoffenen Pott klappt, dann mit 19 Pötten erst recht. 19 Schiffe wurden am 7. Dezember 1941 von der japanischen Fliegerei auf der Insel Oahu (Hawaii) unter die Wasserlinie gebombt, darunter die gigantische »Arizona«, ein Schlachtschiff wie die »Bismarck«. Werden die Hollywood-Stars das toppen? No. Niemals. Sie kennen sich einfach nicht aus in romantischen Untiefen. Rose in TITANIC hatte einen widerlichen Verlobten und einen sexy Liebhaber. Eve in PEARL HARBOR hat zwei sexy Liebhaber, die sich auch noch wie Brüder fühlen. Der Plot ist schwer albern. Die beiden Freunde Danny (Josh Hartnett) und Rafe (Ben Affleck) lieben die Fliegerei und landen in jungen Jahren bei der Airforce. Rafe lernt bei der »medizinischen Untersuchung« die Krankenschwester Eve (Kate Beckinsdale) kennen und lieben, meldet sich aber bald freiwillig zum Kriegseinsatz nach England, wo er abgeschossen wird. Die Nachricht seines Todes bedrückt Danny und Eve monatelang, bis sich beide verlieben. Dann taucht Rafe wieder auf - er war von französischen Fischern gerettet worden. Eve ist mittlerweile schwanger von Danny und gibt Rafe mit Blick aufs Familienglück den Laufpass. Bahn frei - jetzt ist Danny dran mit Sterben ... Bei dem fröhlichen Hin und her wären sicher noch ein paar mehr Filmstunden drin gewesen als die drei aufgeführten. Rose in TITANIC erlebte mit Jack eine aufregend ausgedehnte Liebesnacht/-szene im alten Auto. Danny wickelt Eve in PEARL HARBOR nur für fünf Sekunden in Fallschirmseide ein - Cut. Zu kurz für die Traumproduktion. Das heterosexuelle Doppel Rose/Jack spielt überzeugend Szenen eines jung verliebten Paares durch. Das bisexuelle Trio in PEARL HARBOR erleidet Schiffbruch in slapstickartigen Szenen. Und nicht nur das - wir brauchen auch eine Eselsbrücke im Alltag, die uns das Paar in die Erinnerung holt. Die war für TITANIC Celine Dion, die mit ihrem täglich aus dem Radio strömenden Sound (»And the Heart Will Go On«) noch Nackenhaare sträubte, als der Film längst aus war. PEARL HARBOR hat nur den grauenerregend pastoralen Filmkomponisten Hans Zimmer, der sein grauenerregend pastorales Eisenerzgewitter in Noten gießt.
Wo Romantik sein soll, lacht der Saal: Wenn Flieger-As Rafe erkennen muss, dass sein bester Freund Danny was mit seiner großen Liebe angefangen hat, verrät sein Blick weniger über seine Gefühle, als darüber, dass der Pfad der Romantikproduktion ein schmaler Grat ist: Ben Affleck sieht aus wie der tuntige Darsteller einer Schwulenkomödie, wenn er mitkriegt, dass Danny und Eve was miteinander haben. Dann wieder liegen sich alle heulend in den Armen, wie man sich eben benimmt. Das Leben kommt dem Klischee ja ziemlich nahe - nur eine Bildsprache hat hier niemand dafür gefunden. Logisch betrachtet, hätte das Folgen haben müssen. Die - keine Frage: charismatische - Kate Beckinsdale raus, und dann: reines Kriegsdrama. Denn da hat PEARL HARBOR ohne Zweifel seine Qualitäten. DER SCHMALE GRAT, PRIVATE JAMES RYAN: Bruckheimer/Bay apokalyptische Inszenierung von Kriegsbildern kann mit den Größen der Filmkunst mithalten. Gerade wenn sie ihren für eine Hollywood-Produktion obligatorisch romantischen wie propagandistischen Blick vergessen, schaffen sie brutal mögliche Ansichten des Krieges. Ein Resultat der Technik. Man baute den ganzen Hafen nach und sprengte ihn dann auch. Was kann die Kamera leisten, was verschiedene Bildformen? Den Bombenangriff erlebt man durch die Wochenschau-Kamera eines Kriegsreporters, die letzte Einstellung ist der Kameramann selbst - wie er am Boden liegt und stirbt. Eine Szene, die es schon oft gegeben hat. Aber nie in dem Tempo. Der Bombentreffer auf dem Schlachtschiff Arizona: abgefilmt, wie sich das gesamte Deck zunächst biegt, um dann zu platzen. Die ersten Torpedos - nicht Pathos regiert die Szene, sondern Massenpanik unter den Soldaten, denen hier doch ein Heldendenkmal gesetzt werden soll. Dannys erster Kampfeinsatz - der mutige Junge hat nur die Hose voll. Mit Heldentum ist hier nichts. Der hilflose Mechaniker, der den japanischen Flugzeugen mit einer albernen Schrotflinte hinterher schießt. Die Aufnahmen von Schwerverletzten im Lazarett im MTV-Videoschnitt - die einzige Bildsprache, die heute verstanden wird. Befehl und Gehorsam - die Krankenschwester, die vom Arzt angewiesen wird, hoffnungslose Fälle vor der Tür zu stapeln. Es dauert nur Sekunden, bis ihr Widerstand überwunden ist und sie die Überlebenden mit Lippenstift markiert. Und mit Sicherheit einer der gelungensten Einstellungen, die ein Kriegsfilm je geliefert hat: Japanische Bomber, die in fünf Metern Höhe über die amerikanische Hausfrau hinwegdonnern, die im Garten Wäsche aufhängt - Riefenstahl umgekehrt. Die Harmonie der Soldaten ist Horror durch Technik. Es ist bezeichnend, dass selbst die Liebesszene in der Fallschirmwäsche eine überzeugend militärische Komponente hat als eine erotische: nämlich wenn Eve Danny an jener Hundemarke zum Kuss herunter zieht, deren einziger Zweck es ist, ihn identifizieren zu können, wenn er eine zerschossene Leiche ist. Zu Tod und Teufel haben die Autoren ein erotisches Verhältnis. Wo es ums Leben geht, Liebe, Sex, Erotik, versagen sie. Dies alles spielt natürlich vor einem äußerst patriotisch gehaltenen Prospekt, in dem sich die Nation Amerika wie gewöhnlich den Gründungsmythos verpasst. Kleinere historische Ungenauigkeiten - manche Personen hat es nie gegeben - außer acht gelassen, hält sich der Film daran, dass die Vereinigten Staaten sich Ende 1941 nicht am Beginn eines Eintritts in die Handlungen des 2. Weltkriegs sahen. Zwar unterstützte die Regierung England gegen die Deutschen, dennoch begriff man den Krieg als rein europäisches Problem. Japan hingegen hatte nach dem 1. Weltkrieg auf der alliierten Seite gestanden, eine Wende zu Deutschland vollzog Japan - ähnlich reaktionär strukturiert wie das Hitler-Regime - erst mit seinem militärischen Engagement in China, auf dessen Seite die USA standen. Die Kontrolle des Pazifiks war nun das Streitobjekt zwischen Japan und den USA. Die Vorbereitungen zum Angriff wurden unter kuriosen Umständen verschlafen: So hatte Hawaii zwar neue Radaranlagen erhalten, doch sie waren zu genau: Jeder Vogelschwarm wurde als Flugobjekt identifiziert. Der Film schließt sich nicht der Auffassung an, die amerikanische Regierung habe von der Attacke gewusst und sie zugelassen, um die Bevölkerung zum Kriegseintritt zu bewegen (80 Prozent waren dagegen). Im Film ist die Ursache Schlamperei.
Im Gegensatz dazu sind die japanischen Militärs respektierte Krieger, denen der Krieg zwangsläufig erscheint, und die mit dem Angriff auf PEARL HARBOR eine strategische Meisterleistung erbringen. Und dem Leiter dieses Überfalls, Admiral Yamamoto (Mako), wird folgende Äußerung zugestanden: »Ein Genie ist, wer diesen Krieg vermeidet. Ich glaube, jetzt haben wir einen schlafenden Riesen geweckt.«Wo die Japaner mit beiden Beinen im Krieg stehen, scheint er für amerikanische Militärs weit weg. Erst Rafes vermeintlicher Tod im Kampf gegen die Deutschen wird von den beiden anderen wie der Einbruch der Gewalt in einen friedlichen Alltag erlebt, ansonsten frönt man mehr der popkulturellen Alltagsgestaltung: Man schaut sich Adolf Hitler in der Wochenschau an. Nur der Krieg ist bewusstseinsbildend in PEARL HARBOR. Explizit wird er als Modernisierungsmaschine beschrieben. Denn nur er scheint sich die Zeit für die Schicksale am Rande zu nehmen: Zum Beispiel den schwarzen Schiffshilfskoch Dorie Miller (Cuba Gooding Jr.). Denn der überwindet den Rassismus in der Marine, indem er unerlaubterweise das Flakgeschütz bedient, nachdem die reguläre Crew zerschossen ist. Dafür gibt es dann die Tapferkeitsmedaille, jede Menge Anerkennung für die schwarze Community - Krieg? Gar nicht so schlecht, manchmal. Die Schlacht von Pearl Harbor gilt den Autoren als nationales Trauma und nicht Vietnam. So hat der Krieg seine Liebeserklärung im Werk der beiden Filmautoren. Und dass ihm die Liebe der beiden gehört und nicht den Liebenden, das scheint ihnen gar nicht aufgefallen zu sein. Wo die TITANIC versank, um Jack und Rose die große Liebe selbst im Tod zu ermöglichen, da versinken in PEARL HARBOR die Liebesbeziehungen im Papierkorb des Drehbuchprogramms, um die Bildsprache des Krieges zu ermöglichen. Da ändert auch ein irrwitzig törichter Schluss nichts. Hier geht’s um eines: Der Krieg ist der Vater aller dicken Dinger. Und Filme sind dicke Dinger. PEARL HARBOR |
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