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filmkritik / Ausgabe Nr.28 |
Grüner Rüpel im sumpfigen AlltagEin computeranimiertes Märchen über Märchen. Mit fiesen Schurken und schönen Prinzessinnen: »Shrek - Der tollkühne Held« Von Marco Dettweiler |
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SHREK wäre ein schlechtes Märchen und ein guter Animationsfilm, wenn sich der Film auf einen tollkühnen Helden und eine verwunschene Prinzessin im Gewande einer innovativen Computergraphik verlassen würde. Doch SHREK ist auch ein shreklich gutes Märchen. Schon die erste Sequenz überzeugt durch gewagte Figureneinführung: Shrek, der tollkühne Held, sitzt auf dem Klo und reißt Seiten aus einem Märchenbuch heraus, um sich den Hintern damit abzuwischen. Danach badet er in Jauche und frißt Maden als Snack. Angesammelten Ohrenschmalz formt er zu einer Kerze, die ein wenig Licht in seine verdreckte Hütte bringt. Sein Abendessen besteht aus Fischen, die er gefangen hat, indem er in den See furzte und dadurch die Fische tötete. Shrek sieht aus wie ein Kreuzung aus Hulk, einem Marsianer, und Mike Tyson. Rülpsen ist für ihn eine legitime Kommunikationsform. Und Shrek ist Einsiedler. Aus Überzeugung. Hauptsache er kann ihn Ruhe in seinem Sumpf leben.
Dieser Anfang ist eine schwere Attacke gegen Märchenfans. Schließlich erwartet man in Märchen einen netten Helden und keinen grünen Rüpel im sumpfigen Alltag. Außerdem gibt es auch immer Fabelwesen. Und die kommen schneller als es Shrek lieb ist: Shrek wohnt in einem Land, in dem der launige Lord Farquaad herrscht. Farquaad hat eines Tages keinen Spaß mehr an Fabelwesen, die in seinem Land rumlungern und läßt sie von seinen Soldaten ausfindet machen, gefangen nehmen und außer Land bringen. Genau dorthin, wo auch Shrek lebt: in den Sumpf. Spätestens jetzt schlägt den Märchenfans das Herz höher: Vor und in Shreks Hütte versammeln sich sämliche Figuren, die man aus Märchen kennt: Die Sieben Zwerge legen Schneewitchens Sarg auf Shreks Esstisch ab, der böse Wolf wartet in Omaklamotten auf Rotkäppchen in Shreks Bett und draußen tummeln sich Feen, Elfen, Einhörner, usw. So ziemlich alles ist vertreten, was Farquaad aus der Märchenwelt vertreiben konnte. SHREK ist kein gewöhnliches Märchen. SHREK ist ein Märchen über Märchen. Wäre die Terminologie der Postmoderne nicht so furchtbar verbraucht und beliebig, könnte man den Film auch ein »Postmärchen« nennen. Theaterstücke, Romane und Musikstücke werden gerne »postmodern« interpretiert, wenn sie andere Werke aus ihrer Gattung zitieren. Und SHREK tut dies eben auch: Märchen zitieren. Und nicht nur Märchen, sondern auch Filme. Vielleicht das schönste Filmzitat im Doppelpack: Shrek hat Prinzessin Fiona aus der Burg befreit, in der sie von einem Drachen gefangen gehalten wurde. Farquaad hat Shrek zu dieser Befreiungsaktion überreden können, weil er ihm einen Deal angeboten hat. Wenn Shrek die Prinzessin befreit und sie zu Farquaad bringt, dann befreit Farquaad den Sumpf von den Fabelwesen. Auf dem Rückweg zu Farquaads Schloß werden Shrek und die Prinzessin im Wald vom einem leicht irren Robin Hood überfallen, der die Prinzessin befreien will, obwohl diese gerade von Shrek befreit wurde. Bevor Shrek nun Robin Hood und seine Kumpanen durch die Wälder hauen kann, mutiert Prinzessin Fiona selbst zur Kampfmaschine. In bester TIGER&DRAGON-Manier macht sie einen Wald-und-Wiesen-Terroristen nach dem anderen platt. Schwerkraft adé: In Spagatstellung in der Luft stehend kickt sie letzten beiden Aufdringlinge mindestens genauso gut durch die Bäume, wie Chen Chang in Ang Lees Martial-Arts-Drama. Es ist die Form des Animationsfilms, der diese Märchen- und Filmzitate zuläßt. Märchenhandlungen kennt der Zuschauer, und er erwartet auch keine radikalen Änderungen, sonst wäre das Märchen kein Märchen mehr. Es bleibt im Film also Zeit für computergenerierte Spielereien. Und was bietet sich da mehr an, als Märchen und Filme in ironischer Weise nachzuahmen. Bitte nicht falsch verstehen: SHREK macht sich über seine Verwandten nicht lustig! SHREK ist keine Persiflage, sondern eine Hommage an die zitierten Märchen und Filme. Märchenfans können sich also nach dem anfänglichen Schock gut erholen, denn sie kommen im Laufe des Films auf ihre Kosten. Die Handlung fügt sich - wenn auch nicht immer geschmeidig - dem Märchenschema: Held rettet Prinzessin und bezwingt Drachen. Prinzessin liebt Held, soll aber einen Lord heiraten. Held mißversteht Prinzessin und zieht sich zurück. Und so weiter. Das Ende kann man fast erraten. Aber nur fast. Denn Prinzessin Fiona ist keine gewöhnliche Prinzessin und SHREK kein gewöhnliches Märchen.
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