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filmkritik / Ausgabe Nr.28 |
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Düstere Kehrseite des amerikanischen TraumsVom Zerfall der Familienstrukturen: »The Yards - Im Hinterhof der Macht« Von Andrea Grunert |
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Ein junger Mann fährt in einem Vorstadtzug nach Queens: Mit dieser Einstellung beginnt James Grays neuer Film THE YARDS - IM HINTERHOF DER MACHT, der wie sein Regiedebüt LITTLE ODESSA um das Motiv der Heimkehr des verlorenen Sohnes kreist. Hier ist es Leo, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu seiner Mutter zurückkehrt. Die Familie als gesellschaftliche Keimzelle steht auch in Grays zweitem Spielfilm im Mittelpunkt der Handlung und mit ihr die zentrale dramatische Bedeutung der Charaktere, deren Entwicklung oder Erstarrung der Regisseur verfolgt und beschreibt. Groß- und Nahaufnahmen der Personen spielen in den Anfangssequenzen und im weiteren Handlungsverlauf eine wichtige Rolle. Die Kamera nähert sich den Gesichtern, hält Nuancen des Ausdrucks fest, ohne sich aufzudrängen, enthüllt, ohne alle Geheimnisse der Figuren preiszugeben. Die ersten Einstellungen in der Wohnung von Leos Mutter Val, die das Blickfeld einengen, setzen ein Gefühl der Klaustrophobie frei. Die Kamera ist in Bewegung, zirkuliert aber in einem genau definierten und begrenzten Raum. Die düsteren Brauntöne, die diese Innenaufnahmen bestimmen, und die häufige Verwendung von Schatten und Halbschatten in anderen Sequenzen unterstreichen den Eindruck der Ausweglosigkeit und der Unsicherheit, die Leos Existenz nach der Haftzeit ausmachen. Als Leo das Angebot seines Onkels Frank Olchin, für ihn zu arbeiten, annimmt, gerät er in den Sog des Verbrechens und zwischen die Fronten von Interessengruppen, die versuchen, sich mit illegalen Mitteln Aufträge bei der Bahngesellschaft und für großangelegte Sanierungspläne der Stadtverwaltung zu sichern. Leo wird mit einer Welt angeblicher Respektabilität und gesellschaftlicher Maskierungen konfrontiert, deren Falschheit und Brüchigkeit mehr und mehr sichtbar werden. Im Auto wartend beobachtet er das Treffen seines Freundes Willie, der ebenfalls für Olchin arbeitet, mit einem Vertreter der Verwaltung, die sich beide aus Furcht vor versteckten Mikrophonen, ihrer Kleidung entledigen. Ein Teil der Filmbildes wird vom Rückspiegel eingenommen und die Bildkomposition auf diese Weise unterteilt, der Blick leicht verzerrt. Die Fragmentierung weist über eine rein ästhetische Funktion auf die Thematik der Wahrnehmung hinaus. Leos Vision seiner eigenen Situation und der Machenschaften Olchins konstituiert sich ebenso in Bruchstücken, Schritt für Schritt, während seine Wahrnehmung die der Zuschauer filtert. Elemente der Stilisierung tauchen immer wieder auf, ohne die formale Geschlossenheit und dramaturgische Dichte des Films zu zerstören. Die Stilisierung trifft auf die Mittel und die Konventionen des Realismus und bricht diesen Realismus immer wieder. Liefert THE YARDS genügend Identifikationsmöglichkeiten mit seinem Protagonisten, so schafft der Film auch immer wieder Distanz zu den Personen, indem er seine ästhetischen Mittel durchscheinen lässt. Als Leo im nächtlichen Rangierbahnhof (engl. the yards) von einem Polizisten überrascht wird, zeigt eine Parallelmontage das Ablaufen eines weiteren Verbrechens. Während Leo mit dem Polizisten kämpft, wird er Zeuge, wie Willie einen Mitarbeiter der Bahngesellschaft tötet. Der Lärm der Züge verschluckt die Worte und alle anderen Geräusche. Das Gleisgeflecht wird zur Bühne und zum visuellen Motiv, ist realer Standort und metaphorischer Raum in diesem filmischen Drama über Korruption und menschliche Verstrickungen. Es gibt zunächst keinen sichtbaren Ausweg für den Protagonisten oder die anderen Personen. Leo erscheint wie eine Figur auf einem Schachbrett, die als Bauernopfer dargebracht werden soll. Mark Wahlbergs extrem zurückgenommenes Spiel lässt Leo unbeteiligt und energielos wirken; als einen Charakter, der aus der Defensive heraus agiert, als habe ihn das Gefängnis jeder Persönlichkeit beraubt. Dennoch ist er alles andere als ein bloßes Objekt, denn er wird die Spielregeln umstoßen und aus der ihm zugedachten Rolle ausbrechen. Aus Loyalität hat er Willie nicht verraten und ist für ihn ins Gefängnis gegangen. Doch diesmal ist er nicht bereit, für den Mord, den Willie ihm in die Schuhe schieben will, den Kopf hinzuhalten. Nachdem Willie seine Verlobte Erica, die sich mehr und mehr zu ihrem Cousin Leo hingezogen fühlte, getötet hat, wird Leo seine passive Haltung vollends aufgeben, sich mit Olchins Gegnern arrangieren und schließlich bei einem öffentlichen Hearing gegen den Onkel aussagen. Nach der Anhörung sieht man Leo wieder in einem Zug sitzend wie zu Anfang des Films. Der Kreis schließt sich. Wie schon in seinem Erstlingsfilm thematisiert der Regisseur den Zerfall von Familienstrukturen. Der Schluss von THE YARDS birgt allerdings die Möglichkeit einer zweiten Chance für seinen Protagonisten, eine Wendung, die in der abgrundtiefen Tragik von LITTLE ODESSA völlig ausgeschlossen war. Auch in THE YARDS entwirft James Gray ein düsteres Bild von Amerika und zeigt die Kehrseite des amerikanischen Traums vom sozialen Aufstieg. Dass er diesmal ein versöhnlicheres und letztendlich konformistischeres Ende sucht, mag ein wenig enttäuschen. THE YARDS - IM HINTERHOF DER MACHT |
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