![]() |
filmkritik / Ausgabe Nr.29 |
Dampfende Tümpel und Affen im BlechWir sind wieder einmal auf dem Von Marco Dettweiler |
![]() |
Der Titel des Films verrät eigentlich wenig über seine Story. Schließlich gibt es Tage, an denen man sich hier auf der Erde wie auf einem Planet der Affen vorkommt: Aufgebrachte Broker an der Börse, schimpfende Wrestler auf DSF oder wild gewordene Horden im Talk-Show-Käfig. Auch Big-Brother ist nicht weit weg vom Affengehege im Kölner Zoo. PLANET DER AFFEN könnte also auch eine ironische Beschreibung unserer Erde sein. Doch der Kinogänger weiß schon, worum es geht. Der Film ist das Remake eines Klassikers. Vor über dreißig Jahren (1968) schlug sich noch Charlton Heston mit den Affen herum: im Lendenschurz. (Heute hat er immer noch Angst vor gewalttätigen Affen, weswegen er im Vorstand der amerikanischen Waffenlobby NRA sitzt und sich für das Recht eines jeden Amerikaners einsetzt, Waffen zu tragen.) Die Story vom Astronauten im Tarzangewand und seinen Problemen mit den aufmüpfigen Affen wurde zigmal im Fernsehen wiederholt. Viele haben deshalb wohl das Original gesehen, einige auch die Romanvorlage von Pierre Boulle »La Planète des singes« gelesen. Die Zuschauer wissen also, was sie erwartet: Science-Fiction. Dazu noch Regisseur Tim Burton. Er gehört nicht zu den sicheren Defensivkräften in der Hollywoodleague. Seine Filme sind schön und verspielt, aber sie garantieren nicht immer Erfolg. Das liegt wahrscheinlich an seiner wilden Truppe: Asoziale Geister (BEETLEJUICE); Adlige im Fledermausgewand (BATMAN); mutierte Introvertierte mit riesigen Scherenhänden (EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN), Catwomen und Pinguine (BATMANS RÜCKKEHR); grauenhaft schlechte Regisseure (ED WOOD); durchgeknallte Marsianer (MARS ATTACKS!); oder köpfende Kopflose (SLEEPY HOLLOW). Burton setzt nicht gerade auf klassische Stoffe, lebensnahe Identifikationsfiguren oder realistische Schauplätze.
Und Burton mag es dunkel. Sei es im wirklichen Leben als leidenschaftlicher Sonnenbrillenträger oder im Film als bekennender Low-Key-Regisseur. In Ape-City ist es ständig Nacht wie auch in Gotham-City. Schon im Vorspann von PLANET DER AFFEN tastet sich die Kamera im Halbdunkel vorbei an Speerspitzen, Schildern, Helmen und Brustpanzern. Die begleitende Musik bringt kaum Erleuchtung. Düster und bedrohlich unterstützt sie die Waffen- und Rüstungsschau. Klar ist: Der Planet ist sicherlich kein Erholungsziel für Pazifisten oder Schwächlinge. Dies hat auch Astronaut Leo Davidson (Mark Wahlberg) schnell erkannt. Freiwillig ist er sowieso nicht auf den Planeten gekommen. Kaum hat er sich aus seinem sinkenden Ein-Mann-Raumschiff befreit und an das Ufer eines Urwald-Tümpels gerettet, hasten Menschen im Neandertaler-Outfit an ihm vorbei. Okay, dies könnte er sich noch mit Naturverbundenheit und Zweckgerichtetheit erklären - schließlich befindet er sich im Urwald. Doch die Verfolger in designter Militärkleidung sind aggressive Affen, und das ist Davidson dann doch zuviel. Kurz entschlossen - ein wesentlicher Charakterzug Davidsons - flüchtet auch er. Hier beginnt eigentlich der Film. Die Rahmenhandlung hat nur erzählerischen Wert: Im Jahr 2029 werden auf einer amerikanischen Weltraum-Forschungsstation verschiedene Experimente mit Schimpansen durchgeführt. Als sich die Station einem elekto-magnetischen Sturm nähert, wird Davidsons affiger Lehrling in einer Kapsel dem Sturm entgegen geschickt, um diesen zu untersuchen. Die Kapsel verschwindet. Davidson fliegt ebenfalls in einer Kapsel in Richtung Sturm, um seinen Lieblingsaffen zu retten. Dabei gerät auch er hinein und stürzt mit seiner Kapsel auf einem unbekannten Planeten ab. Der Kontrast zwischen Forschungsstation und Affenplanet könnte filmisch und thematisch nicht größer sein. In den Weiten des Weltalls schwebt die elegante und artifizielle Raumstation als gelungenes Beispiel für jahrhundertelangen technologischen Fortschritt des Homo Sapiens. Durch sterile, weiße Räume bewegen sich gut aussehende, weiß gekleidete Forscher und bilden gut gepflegte Schimpansen aus. Auch an Energie scheint es der Raumstation nicht zu mangeln, sie ist erleuchtet wie ein OP-Saal. Rein, hell und steril. Die Zukunft im All gehört den Stauballergikern. Hingegen auf der Oberfläche des Planeten wuchert die bloße Natur. Dunkler Urwald, dampfende Tümpel, Menschen im Fell, Affen im Blech. Keine rationalen Gespräche über neueste Forschungsergebnisse, sondern instinkthafte, körperliche Konfliktbewältigung: Wenn ich dich nicht töte, tötest du mich. Überleben um jeden Preis. Schon zu diesem Zeitpunkt wird klar, was die Struktur in PLANET DER AFFEN ausmacht: Gegensätze. Krieg und Frieden, Mensch und Tier, Natur und Technologie, Herrscher und Sklaven, Tod und Leben, Liebe und Hass, Rationalität und Instinkt. Verantwortlich für diese Struktur sind wohl das Drehbuch und Burtons Ausarbeitung der Grundidee. Viele Filme, in denen es nur schwarz und weiß gibt, sind oft langweilig und die moralischen Botschaften vorher erkennbar. In PLANET DER AFFEN ist dies nicht so. Burton weigert sich zum einen die Gegensätze zu deuten, er zeigt sie nur auf. Zum anderen tauscht er die Handelnden ständig aus. Menschen halten Affen gefangen (Raumschiff), Affen halten Menschen gefangen (Planet); Menschen sind sauber und gepflegt (Raumschiff), Affen schimpfen über die stinkenden Menschen (Planet). Betrachtet man diese Beliebigkeit der Verhältnisse für den gesamten Film, dann kommt der Mensch allerdings besser weg. Ist auch verständlich, denn schließlich sollen ja viele Menschen - und nicht Affen - die Kassen des Verleihs füllen. Hat man nun als zivilisierter Zuschauer festgestellt, dass es in allen Fällen zu verurteilen ist, dass der eine den anderen tötet, sei es Affe oder Mensch, dann bietet Burton ab und zu Lösungsvorschläge an: Findet einen Konsens oder stellt wenigstens ein Gleichgewicht zwischen der Verhältnissen her!
Eine mögliche Variante: Davidson flieht mit anderen Gefangenen aus Ape-City. Bei der Flucht helfen ihnen zwei Affen: Die Menschenfreundin Ari (Helena Bonham Carter), sie ist die Tochter des Senators Sandar (David Warner), und ihr treuer Diener, der ehemalige General Krull (Cary-Hiroyuki Tagawa). Auf der Flucht gelangen sie an die Stelle, wo Davidson mit seiner Kapsel abgestürzt ist. Er taucht zu seinem Ein-Mann-Raumschiff hinunter, um sein Survival-Paket zu retten. Darin ist kein Essen oder Streichhölzer, sondern eine Pistole. Ungleiche Verhältnisse: Auf der einen Seite die Partei, die mit Feuerwaffen agiert und auf der anderen die Partei, die mit bloßer Muskelkraft kämpft. (Die schwerwiegenden Folgen dieses Vorteils kennt man aus 2001 - ODYSSEE IM WELTRAUM.) In einem unachtsamen Moment nimmt General Krull, der alte und weise Krieger, Davidson die Waffe ab und zerschmettert sie auf einem Stein. Der Gorilla stellt - sogar zu seinem Nachteil - das Gleichgewicht wieder her. Burton hätte Strukturen dieser Art mehr herausarbeiten können. Vieles ist nur angedeutet und nicht zu Ende gedacht. Als Europäer bemerkt allzusehr die amerikanische Mainstream-Moral, wie sie in vielen Filmen verbreitet wird. Aber PLANET DER AFFEN ist kein Film, der politische, religiöse oder moralische Fragen beantworten soll. Er muss sie gar nicht beantworten, weil sie niemand stellt. Und Burton ist auch kein Regisseur für derartige Filme. Er macht intelligenten Fun für Zuschauer, die unterhalten werden wollen. Sonst nichts. Und das ist auch gut so. PLANET DER AFFEN ist ein Blockbuster der edlen Sorte mit feiner Technik, individuellen und witzigen Charakteren, unglaublich schönen Masken und gelungener Dramaturgie. Oder hat irgendjemand etwas anderes erwartet? |
|