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filmkritik / Ausgabe Nr.29 |
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Von Billys, Imbusschlüsseln und BleistiftenIkea-Möbel zusammenschrauben ist eine ganz und gar westliche Kunst. Die jetzt auch der Mensch in Moskau erlernen muss, sonst wird’s nichts mit dem Kleinkapitalismus. Von Jürgen Kiontke |
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Über das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln wurden schon genug Witze gerissen. Kein Wunder: der dekorative Selbstschraub-Bedarf avancierte zur Inneneinrichtung des zu Wohlstand gekommenen Nachkriegseuropas mit Fachhochschulabschluss. Da wurde es mal Zeit für einen abendfüllenden Ikea-Spielfilm, muss sich Michael Chauvistré gedacht haben, und verpasste dem Regalkonzern eine Betriebsreportage. Der Regisseur hat einschlägige Erfahrung mit dem Genre Dienstleistung: Das erste Mal in Erscheinung trat er mit SCHAU MICH NICHT SO BÖSE AN (1997), dem Film über studentische Weihnachtsmänner. Einfach draufhalten ist aber bei Chauvistré nicht, obwohl mit dem weltberühmten Katalog der Möbelteilefirma das Drehbuch quasi schon fertig war - so gut wie niemand wird mit »Billy«, dem beliebten Regal, nichts anfangen können. Also: Die porträtierte Ikea-Filiale ist die erste auf russischem Boden - sie steht in Moskau. Ein Jahr ist die Eröffnung vorbereitet worden, jetzt ist der große Tag da, und damit die Frage: Wird auch der russische Mensch das schwedische Einrichtungshaus ebenso akzeptieren wie die Bevölkerung woanders die 152 Vorgängerfilialen? Kommen viele, kommen wenig? Ulf Seemann und Manuela Geelhaar arbeiteten zuvor in der Filiale Berlin-Spandau. Sie stehen im Mittelpunkt von Chauvistrés Imbusschlüsseldrama. Das Pärchen mit all seinen Sorgen, Ängsten, Hoffnungen, Vorlieben, Kindern, er aus dem Westen, sie aus dem Osten, gingen das Vorhaben mit großem Engagement an. Sie haben alles stehen und liegen lassen, auch die Kinder bis auf Robert, den ältesten, und zogen gen Moskau. Schwer fiel ihnen das nicht: Ikea hat die übliche schwedische Firmenphilosophie. Zusammen leben, lieben, lachen - wie man’s bei Pipi Langstrumpf vorgeführt bekommt. Ausführlich widmet sich der Film denn auch dem gemeinsamen Absingen der Ikea-Hymne (»Wir sind Ikea«), bei der Hannes Wader Pate gestanden haben muss. Wenigstens singt und zupft Ulf das Lied mit einer Inbrunst, wie der ehemalige DKP-Barde weiland »Die Moorsoldaten« auf dem UZ-Pressefest. Als ehemaliger Angestellter einer schwedischen Firma sei mir eine persönliche Bemerkung erlaubt: es gibt Schlimmeres, als unter schwedischer corporate identity zu arbeiten: 88 Prozent der Angestellten sind in der Gewerkschaft, Rassismus ist verboten, der Tag beginnt mit einem Büffett. Schweden hat die geilsten Königstöchter und die besten, mörderischsten Krimi-Autoren. Und die einzelteiligsten Möbel. Ulf ist schon ein bisschen sauer, dass er nicht beim Treffen mit dem Firmenchef Ingvar Kamprad dabei sein kann. Da hat was nicht gestimmt. Es hat den Anschein, als würde der 74-jährige Alkoholiker (»Viele Schweden sind in der gleichen Situation wie ich«) und ehemalige Sympathisant der Faschisten in den 40er Jahren (»Das größte Fiasko meines Lebens«) seine eigene Lehre nicht leben. Aber das der Boss nicht Wasser predigt und Moskowskaja trinkt, kann man ihm bald nicht mehr vorwerfen. Später wird man ihn an der Kasse finden, um den Moskauern zu helfen, ihre Möbel nach Hause zu bringen. Dann bekommt Manuela doch noch ihr Autogramm aufs Namensschild, und nach dem I-Day wird im Möbellager geschwooft werden mit dem ganz unbürokratischen Chef (Manuela: »Dann hat mich Ingvar gedrückt«). Während man also in der langsam anlaufenden Vorbereitungsphase vieles über das verrückte Leben von Ulf und Manuela erfährt, auch, dass der Marketingleiter der Filiale eine ganz un-Ikea-mäßige Wohnung hat, die mit Marx- und Lenin-Ausgaben möbliert ist, hier die hard facts: 37.500 Besucher erscheinen am Tag X. Stundenlange Wartezeiten an der Kasse sind Folge, aber Leiden ist man in Moskau gewöhnt. Und Improvisieren auch. Ganz ungewöhnlich etwa reagiert die Kundschaft auf ein Gewinnspiel, bei dem man irgend etwas ankreuzen muss, um ein Sofa zu gewinnen - nach einer Stunde sind die Bleistifte, die es umsonst gibt, alle. Weil, Bleistifte gibt’s sonst auch nicht so viele, daher stecken sich die Kunden die Dinger dutzendweise in die Tasche. Am Anfang lässt Ulf noch nachlegen, dann merkt er: Je mehr er auslegt (»Ich brauch noch Bleistifte«), desto mehr verschwinden (»Du, das lassen wir jetzt, die nehmen 100 Stück auf einmal mit...«). Das Leben ist nicht leicht in der russischen Metropole. Eine Familie ist gekommen, wegen der Sofa-Verlosung. »Oma hat nämlich nichts, wo sie drauf schlafen kann«, sagt der Sohn. Auch verfolgen wir, wie ein junges Paar den schönen Wohnzimmer-Kronleuchter verschrottet, um eine dieser Papierkugellampe aufzuhängen, so eine, wo man immer gegen rennt. Während Manuelas Sohn Robert echte Probleme hat, kein Russisch, keine Freunde - hat Ulf es zur Einladung in die Datsche des Kollegen geschafft. Wo das freudige Ereignis Filialeröffnung nochmals nachträglich betrunken wird, unter den Vorzeichen eines Patriotismus, mit dem selbst der letzte antiimpe Linke leben kann: »Wir trinken auf die Gesundheit des Landes. Denn wenn unser Land gesund ist, können wir uns schöne Sachen kaufen.« MIT IKEA NACH MOSKAU ist ein gelungener Film, bei dem man sich hinterher fragt: War der vom Konzern gesponsert, gar ein 90-Minuten-Werbefilm im Programmkino-Style? Aber bis zu der Fragestellung zu kommen, ist ja auch schon was. Leider ein echt überflüssiges Minus: Keiner der Moskowiter wird mit Namen genannt, während die Deutschen ausführlich vorgestellt werden. Die Umkehrperspektive - Käufer- statt Verkäuferseite - ist nur halb da: Wer sind die Menschen, die den neuen Schwachsinn kaufen? Sie namenlos zu lassen, das war unnötig, westlich arrogant und ist ärgerlich anzusehen. Fazit: Wie überall im Kapitalismus gewinnt Oma das Sofa nicht. Das ist versöhnlich, auch für den Zuschauer, und sagt viel aus über die Arbeitswelt vor und hinter der Kasse. Oder wie es im Film heißt: »Wieder ist der Westen ein Stück weiter nach Osten vorgerückt.« Aber wozu? Irgendwann, so die bittere Erkenntnis, muss es eine Zeit gegeben haben, wo der Sowjetmensch seine Möbel noch selbst erfand. Das besorgen jetzt Manuela und Ulf. Chauvistré: »Eine Ossi-Frau und ein Wessi-Mann, die jetzt beide den Russen das heitere Leben bringen, auf das diese - da sind sich Ulf und Manuela ganz sicher - so lange gewartet haben.«
Der eigenwillige Umgang mit dem neuen Möbelkonzern und seinen Bleistiften legt aber nahe: Ernst ist Ikea, heiter ist die Kunst. Des Überlebens in Moskau. Manchmal. |
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