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filmkritik / Ausgabe Nr.29 |
Baustellen der Hoffnung |
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Den Versuch, die Vergangenheit auszulöschen, beobachtet BERLIN BABYLON von Hubertus Siegert Von Martina Jungfleisch |
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In Wim Wenders DER HIMMEL ÜBER BERLIN (1987) spaziert der hochbetagte Schauspieler Curt Bois über den Potsdamer Platz und reflektiert, seitlich flankiert von der Berliner Mauer, wie der Ort in den 20er Jahren einmal ausgesehen hat. In seiner Erinnerung versucht er zusammenzusetzen, wo die Cafés waren, wo die Straßenbahn fuhr und wohin all die Menschen, die den Platz tagsüber bevölkerten, eigentlich verschwunden sind. Verzweifelt versucht sich der Schauspieler an die alten, topographischen Strukturen zu besinnen, aber es ist ihm kaum möglich, jetzt, da er verbotenerweise über eine »blanke« Wiese marschiert, die den Todesstreifen darstellt. - Das, was vom Kriege übrig blieb: ein verschwundener Ort, ein leerer Raum, ein geteiltes Deutschland. »Es scheint eine Zivilisationsfabel seit Babylon zu sein, dass zu jeder Zeit Bauherren, Baumeister und Bauleute bereit stehen, eine als leer empfundene Innenstadt mit Bauwerken jeder Dimension zu füllen« kommentiert der Filmemacher Hubertus Siegert die Berliner Bauwut, die 1989 mit der politischen Wende über die Stadt hereinbrach. Beinahe so schnell wie die Mauer in Berlin verschwunden war, »abmontiert«, hatte man die Werbebanner der Unternehmensgruppen platziert, die ihre Bauvorhaben auf dem Potsdamer Platz großflächig ankündigten. Dort, wo einmal der Grenzstreifen verlief, sollte nun wieder das Leben toben. Verpflichtet hatte man sich dem Mythos des Potsdamer Platzes, dem turbulenten Großstadtmilieu der 20er Jahre. Und die Geschwindigkeit mit der man sich ans Werk machte, ließ ahnen, wie groß die Sehnsucht nach dem verloren gegangenen Großstadtleben war.
Drei Jahre lang hat Hubertus Siegert die Bauarbeiten rund um den Tiergarten, den Potsdamer Platz und die Berliner Mitte mit einer Kamera dokumentiert, und vom Polier bis zum Stararchitekten die Macher bei der Arbeit porträtiert. Bauarbeiter, die in schwindelnder Höhe arbeiten und Taucher, die in einer mit Grundwasser vollgelaufenen Senke in gigantischem Ausmaß aufwendige Abdichtungsarbeiten durchführen: jeder der Ausführenden - mag seine Funktion noch so nebensächlich erscheinen - ist ein unverzichtbarer Bestandteil im Komplex der Großbaustellen. Umso ironischer zeichnet Siegert die Funktion der Erfinder und Konstrukteure. Axel Schultes, Architekt des Bundeskanzleramtes, sorgt sich über die angemessene Größe der Rasterung eines Stein-Kieselbodens; Renzo Piano wandelt durch die Gänge irgendeines Gebäudes des Debis-Zentrums, ohne eine Türe öffnen zu können: er besitzt keine Schlüssel. Die »babylonische Sprachverwirrung« (Genesis 11.1-9) setzt ein im Detail. Hubertus Siegert lässt die Kamera an Häuserzeilen vorbeigleiten, wo ein Altbau gesprengt wurde, oder ein neues, chic glänzendes Gebäude in die Höhe gezogen wird. Unablässig häuft sich vor den Augen des Zuschauers Stein auf Stein: die Rohbau-Skelette auf dem Potsdamer Platz, das gesprengte Ku’damm-Eck oder der Neubau des Lehrter Zentralbahnhofes: Jede einzelne Baustelle, die Siegert in seinem Dokumentarfilm fixiert, scheint Ausdruck einer Sehnsucht zu sein, dass sich mit der architektonischen »Moderne« auch eine Zukunft einstellt, die besser ist als die Vergangenheit. Ob das Berliner Stadtschloss, welches auf Anordnung Walter Ulbrichts gesprengt wurde, oder die Neue Reichskanzlei der Nationalsozialisten, die 1949 abgerissen wurde und deren Marmorbestand im U-Bahnhof Klosterstraße eingearbeitet wurde - das, was bislang in dieser Stadt an Architektur beseitigt wurde, oder geplant wird zu beseitigen (wie der Alexanderplatz), ist vielleicht der Ausdruck einer Hoffnung, dass mit der Auslöschung der Diktaturen in Stein auch die ungeliebte deutsche Geschichte ausgelöscht wird. Aber: überleben politische Ideologien nicht weniger in den Gebäuden, die geschaffen wurden, als in den Köpfen derer, die denkmalwürdige Gebäude vernichten und im Entwurf neuer architektonischer Utopien sich eine Zukunft erhoffen, die von Irrtümern frei ist? »Der Engel der Geschichte«, heißt es in Walter Benjamins bekanntem Essay, der in Hubertus Siegerts Dokumentarfilm von der Schauspielerin Angela Winkler gesprochen wird, »hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst«. Der zweite Weltkrieg, Teilung der Stadt und Wiedervereinigung - Berlin, so scheint es, ist fortwährend »auferstanden aus Ruinen«. Selbst der Potsdamer Platz als das Sinnbild eines politischen Neuanfangs, scheint zunehmend zu einem Synonym für Bankenskandal, Filz und Korruption zu geraten. - Vielleicht ergeht es Berlin wie dem »Engel der Geschichte«: ein Sturm treibt die Stadt in eine Zukunft, der sie den Rücken kehrt? Beklagte Curt Bois in Wim Wenders Filmklassiker das Verschwundensein städtebaulicher Historie, evoziert BERLIN BABYLON ein ähnliches, melancholisches Gefühl. Curt Bois schreitet durch das Berlin der Neuzeit, auf der Suche nach der »Präsenz der Geschichte« (Hubertus Siegert): den verschwunden, leeren Stellen, den gesprengten Gebäuden und »versprengten« Plätzen. Wo war der Grenzstreifen? Wo verlief die Mauer? Wann war das bloß? Oder war das alles nur ein Traum? Ich weiß nicht mehr...
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