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magazin / Ausgabe Nr.28

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Anarchistischer Kurzfilm

Blick durch ein Kaleidoskop bei leicht trübem Wetter: Die 47. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Von Elena Kounadis


Eigentlich gibt es ihn gar nicht: den Kurzfilm. Er lässt sich einfach nicht einordnen, der widerspenstige kleine Bruder des Spielfilms. Er bildet keine Gattung, wechselt zwischen den Genres und sprengt mitunter zeitliche Dimensionen, die doch notwendig sind, um ihn fassen zu können. Für die einen Filmemacher ist er Sprungbrett, für die anderen ein Ort zum verweilen. Eine Art Niemandsland: im Kino wurde er längst abgelöst vom Werbefilm und geblieben sind der exotischen Pflanze Kurzfilm die Festivals.

Form, Inhalte, Bilder, Farben, Ton - alles Parameter, mit denen hier endlich in anderen Gewichtungen jongliert werden kann. Ein leichterer Zugang zur Filmtechnik öffnet auch den Kreis potentieller FilmemacherInnen. Doch wer glaubt, dass das unweigerlich zu einer Potenzierung anspruchvoller Filme führt, irrt. Technik allein reicht nicht. Es ist - wie überall - die Fülle der Ingredienzien und deren Ausgewogenheit, die den Unterschied macht. Dabei geht es letztendlich (und gerade im Kurzfilm) um das Potential, das in einem Film steckt, weniger um dessen vollendete Reife und Perfektion. Doch je größer die Palette der ausschöpfbaren Möglichkeiten zu sein scheint, desto weniger wird es ausgenutzt. Diesen Eindruck hinterließ zumindest der deutsche Wettbewerb in Oberhausen. Gibt es sie, die Filme, die überraschen, die anregen, die Resonanz auslösen, die Stellung beziehen?

Manhattan. Wenn Parkplätze so rar und teuer sind wie im megalomanischen New York, geht man zu Fuss. Und das, so schnell - also unauffällig - wie möglich. Thomas Struck (WALK DON'T WALK) folgt den Füßen in der Froschperspektive, hält sie auf, befragt die dazugehörigen Personen, und scheut sich ebenso wenig vor daraus resultierenden Banalitäten wie vermeintlichen Perversitäten. Die Ungewöhnlichkeit dieses leichtfüssigen Leitmotivs und der Charme seiner Neugierde, machen den Reiz dieses Films aus, der in komprimierterer Form allerdings noch erhöht werden könnte.

Dem menschlichen Körper nähert sich auch der Filmemacher Michael Brynntrup in seinem Film ACHTUNG - DIE ACHTUNG (CONCENTRATION CHAIR). Viel näher fährt er an die nur mit Tattoos und Piercings bedeckte Haut seiner Protagonisten heran, und bleibt doch an deren Oberfläche haften. Die Reduktion auf die Präsentation der Hautoberfläche bringt den Menschen hinter ihr nicht näher - ganz im Gegenteil. Ein Exhibitionismus geht von den Objekten vor der Kamera aus, der beim Zuschauer mindestens Verwirrung auslöst. Ein provokativer Film, der Kälte ausstrahlt, aber nicht kalt lässt, und erst auf den zweiten Blick offenlegt, dass die verwendeten filmischen Mittel ganz bewusst zu Vordergründigkeit beitragen sollen.

Ein Film, dessen Filmemacherin Christiane Lilge sich ganz bewusst und gekonnt sowohl mit der Bild- als auch mit der Geräuschebene auseinandergesetzt hat, ist MEXIKO CITY. Nicht gewollt artifiziell, sondern vielmehr leichthändig inszeniert vermittelt sie den ZuschauerInnen ihre Protagonistin, die so offen wie selbstkritisch ist. Ein charakterstarkes Frauenbild wird hier mit erzählerischer Dichte transportiert und überzeugte die Jury durch die stringente Komposition („Bester Beitrag des Deutschen Wettbewerbs).

Wichtig sind Festivals als Ort der Begegnung, als Quelle möglicher Synergien - daran besteht kein Zweifel. Mit dem Musikvideo-Bereich (und MTV als neuem Kooperationspartner) und der Verstärkung ihrer Internet-Aktivitäten öffnet sich das Festival zusätzliche Räume, die es nicht etwa beliebig, sondern vielmehr unverzichtbar für die Filmlandschaft machen.
 


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