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magazin / Ausgabe Nr.28 |
HOCHZEITEN
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Im Laufe von Festivals können sich zuweilen zwischen einzelnen Filmen thematische Brücken heraus bilden, die sowohl zu verbinden als auch zu trennen vermögen. Beim 3. Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki, das heuer unter dem Motto »Images of the 21st century« über die Bühne ging, trat dieser Umstand besonders auffällig in den Vordergrund - gerade thematische Parallelen legten hier erstaunlich kontroverse Zugänge zum selben Thema frei, und rund um kleinste Themenbereiche galt es, unterschiedlichste Annäherungen und bemerkenswerte Mannigfaltigkeit zu bestaunen. Etwa zum Thema Hochzeit: Dass weltweit täglich geheiratet wird, ist nichts Außergewöhnliches. Für eine junge Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als auch endlich unter die Haube zu kommen, kann das allerdings das größte Problem der Welt bedeuten. ALWAYS A BRIDESMAID heißt der erst zweite Film der heiratswilligen Nina Davenport, der zeigt, wie schwer ein scheinbar kleines Problem wiegen und dennoch auf leichte Art veranschaulicht werden kann. Die eigene Zustandsaufnahme gelingt Davenport nämlich mit getragener Selbstironie, ihr über die Hochzeitsbilder ihrer Freundinnen und die Ausflüchte ihres Freundes gelegter Kommentar bildet die leitmotivische Klammer über einen Film, der lustvoll von der Angst erzählt, wie anhand gesellschaftlicher Rituale einem die Zeit davon läuft. Geheiratet wird aber natürlich auch in Russland, wohin die holländische Filmemacherin Marijke Jongbloed aufbrach, um im postkommunistischen Moskau die Suche einer vierzigjährigen Frau nach dem geeigneten Partner zu begleiten. FATAL REACTION - MOSKAU zeichnet vor allem eine genaue Beobachtung eines tief verwurzelten weiblichen Rollenbildes aus, ohne eine einfache plakative Lösung parat zu haben. Doch dass die Eheschließung auf der Lebensleiter nur eine, wenngleich entscheidende Treppe ist, das zeigte auf eindringliche Weise der wohl bemerkenswerteste Beitrag des Festivals, Viktor Kossakovskys I LOVED YOU (THREE ROMANCES). Denn auch bei Kossakovsky wird geheiratet, doch die Hochzeit, die hier im mittleren Teil einer Trilogie über die Bedeutung der Liebe gefeiert wird, lässt bei den Angehörigen des Brautpaares Zweifel aufkommen. Zu jung erscheint der Bräutigam, um seiner Verantwortung gerecht werden zu können und die Zweifel an seiner andauernden Treue zu vertreiben. Kossakovsky zeigt die Unsicherheit der großen Entscheidung und die Versprechen, die sich die Liebenden abwechselnd laut vorlesen, klingen wie eine Prophezeiung einer ungewissen Zukunft. »Sergei and Natasha (A Provincial Love Story)«, so die Episode, gehen Ausschnitte aus Kossakovskys vorigem Film PAVEL AND LYALYA voraus. Die Erzählung über das Sterben seines Lehrers in Jerusalem, der von dessen Frau hingebungsvoll gepflegt wird, ist ein in schwarzweiß gehaltenes emphatisches Plädoyer für das Leben. Wo es nichts mehr zu sagen gibt und man sich selbst das Weinen verbietet, dort zittern bei Kossakovsky nur mehr die Schatten der Blätter auf der weißen Steinmauer. In stillen Beobachtungen wie diesen stellt I LOVED YOU nachdringlich die wirklich wichtigen Fragen des Lebens und menschlicher Erfahrung. Mit der letzten Episode, einer zurückhaltender Beobachtung einer ersten Liebe zwischen zwei Kindern, verwebt Kossakovsky die drei Geschichten der Generationen zu einem umfassenden Portrait einer Gesellschaft, für die es vielleicht doch noch Hoffnung gibt. I LOVED YOU wurde mit dem Preis der Kritik ausgezeichnet. Das langsame Sterben kann jedoch auch anders aussehen, etwa dann, wenn man in der Todeszelle sitzt. Als Joseph Paul Jerrigan 1993 in Texas hingerichtet wurde, ahnte noch niemand, dass sein Körper im Internet wiedergeboren und er selbst zu einer namenlosen Berühmtheit werden würde. Nur zehn Minuten nach seinem Tod wurde Jerrigan in blaue Gelatine eingefroren, Stück für Stück in zwei Millimeter breite Scheiben geschnitten und in den Scanner geschickt. Der erste vollständig digitalisierte Mensch war geschaffen, der Mörder Jerrigan in den Medien längst zum Serienkiller geworden und die Umstände eines mehr als erklärungsbedürftigen Prozesses nie hinterfragt. Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics setzt in BLUE END dem Phantom des sogenannten »visible man« die Geschichte eines Menschen entgegen und leistet dabei eine der wohl wesentlichsten Aufgaben des Dokumentarfilms - er gibt dem Menschen seine Geschichte wieder. Kasiscs beschreibt das Bild eines Mannes, der zufällig zum Mörder wurde, weil er nicht mehr das Opfer seiner selbst und das der Gesellschaft sein wollte. Der »visible man« erscheint in BLUE END als bloße Hülle, dem wieder zu neuer Körperlichkeit verholfen wird. Formal präzise erarbeitet Kasics das Verhältnis zwischen technokratischer Wissenschaft und voreingenommener Justiz, während das Autoradio beim Blick auf die Schönheit des Landes zynisch den amerikanischen Stolz verkündet: »I’m proud to be American.« Wo sich BLUE END also für eine wahre Geschichte hinter den schnellen Informationen interessiert, begab sich Marijke Jongbloed mit ihrem zweiten Film im Programm, BEYOND REASON - A FRIEND ON DEATHROW, ebenfalls in die Todeszelle. Joengbloed begleitet darin eine junge Frau nach Florida, die nach siebzehnjähriger Korrespondenz einen Häftling aus dem Todestrakt trifft. Mit ihrem Versuch, seine Strafe in lebenslange Haft ohne Bewährung umzuwandeln, prallen Freundschaft und die Angst vor der Wahrheit aufeinander. Ein ambivalenter und schwer greifbarer Zugang, wenn die Betroffenheit der jungen Frau angesichts ihres Einsatzes für einen Schuldigen letztlich auch dem Film selbst ein (zu) riskantes Manöver wird. Von so manchen Filmen wird noch die Rede sein: Marc Singers grobkörnige Schwarzweiß-Studie über New Yorker »homeless people« DARK DAYS etwa, oder auch Kim Longinotto und Jano Williams’ GAEA GIRLS über japanisches Frauen-Wrestling. Dicht und kompakt zeichnet der Film einen Mikrokosmos der räumlichen und sozialen Abgeschlossenheit der Frauen und die Unumstößlichkeit vorgegebener institutioneller Regeln. GAEA GIRLS wurde übrigens - ebenso wie I LOVED YOU - wenige Wochen später auch in Nyon, gezeigt, ein Umstand, der nur vordergründig eine Festivalkonkurrenz mit der Schweiz vermuten lässt. Denn Saloniki ist als dokumentarischer Standort - auch neben dem International Festival als großen Bruder in derselben Stadt - mittlerweile etabliert. Natürlich musste sich Saloniki seit Beginn unter der Direktion von Dimitri Eipides gegenüber Nyon anders positionieren, mit einer stärkeren Ausrichtung auf DocMarket, Pitching und Branche konnte sich das Festival bislang jedoch eindrucksvoll behaupten. Und entlang spannender Nebenprogramme auch Raum für Meilensteine des Dokumentarfilms reservieren: den Direct Cinema-Veteranen Albert und David Maysles war mit Klassikern wie SALESMAN oder GREY GARDENS ein kleiner Tribute gewidmet. Denn was gibt es Schöneres, als bei einem Kinomarathon um drei Uhr nachts wieder einmal die im Takt wippenden Schuhspitzen von Keith Richards zu sehen? GIMME SHELTER! Michael Pekler |
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