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magazin / Ausgabe Nr.29

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Woodstock und Warmwasser


Vom Charme des Kurbadfestivals in Karlovy Vary

Von Wolf Martin Hamdorf
 

 

Durch die Sahnetörtchen-Architektur des ehrwürdigen Kurbades der kuk-Monarchie rauscht der Tepla-Bach. Im Abstand von hundert Metern stehen überdimensionale Kinoplakate auf improvisierten Baugerüsten im Wasser. Neugierig schaut eine Gruppe greiser deutscher Touristen auf die bunte Werbung für den Wettbewerb von BLOW bis WAR LIVE, während sie gemächlich aus den kurbadspezifischen Schnabeltassen heißes Quellwasser schlürfen. Das ehrwürdige Karlsbad verjüngt sich während des Filmfestivals, denn tausende Studenten konnten sich wieder einmal zu einem niedrigen Preis akkreditieren. Dieses Jahr hat die Stadt kostenlose Schlafstätten - Turnhallen und Campingwiesen - zur Verfügung gestellt, nachdem im vergangenen Jahr Hotelgärten und Flure zum Sleep-In wurden. Der Kurpark verwandelt sich in eine Woodstockwiese gitarrespielender Junghippies und im Zentrum des Festivals in der schwarzen Plattenbaupracht des realsozialistischen Kurhotels Thermal flanieren zahlreiche Jugendliche oder lassen sich häuslich auf den Teppichböden mit psychedelischen Mustern nieder.

Dem Festival in Karlovy Vary ist es einmal mehr gelungen die steife Atmosphäre des üblichen A-Filmfest-Inzestes zu umgehen. Neben der üblichen Ankunft von Stars aus Film und Politik - von Nastassja Kinski bis Vaclav Havel - wird jene Stimmung aus Spontanität und Improvisation beibehalten, die den Charme des Kurbadfestivals ausmacht. Die Gala-Abendvorführungen fangen immer eine halbe Stunde später an, und bis zum letzten Moment versuchen die cinephilen Studenten noch einen Platz auf einem freigebliebenen Honoratiorensessel oder zumindest auf den Treppenaufgängen zu ergattern. Der beliebteste Star bei den Gala-Vorführungen ist ein bärtiger Mann, der nach der Vorstellung von Schauspielern und Regisseuren das Mikrofon von der Bühne holt - stets begrüßt ihn ein donnernder Applaus und fast zum Toben kam das Publikum, als er in einem der fünf Festivaltrailer den Kinobesitzer spielte. Die Festivaltrailer haben dieses Jahr Kultstatus erreicht und die lakonisch humorvollen Episoden aus dem Vorführraum markieren auch den Unterschied zu anderen Festivals: einen Schuss Selbstironie, die Karlovy Vary etwa von München und seinen anbiedernden pseudokommerziellen Gesellenstückchen unterscheidet.

Es gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm, der alkoholische Hauptsponsor vertreibt verbilligte Cocktails, und das ehrwürdige halbverfallene Kaiserbad in direkter Nachbarschaft zum legendären Grandhotel Pupp, der monumentale Badetempel des unglücklichen Kaisers Franz Josef, wird zum Konzertsaal für Jazz, Punk und Rock bei umgerechnet drei Mark Eintritt. Konzerte und Kulturveranstaltungen begleiten das Festival auch an anderen Spielstätten - etwa der Auftritt von Emir Kustoricas Band mit der Vorführung von SUPER 8 STORIES BY EMIR KUSTORICA - bei einer meterlangen Sponsorenliste vibriert die Stimmung zwischen Kurkonzert und Rockpalast. Folgerichtig war eine Filmreihe auch der Musikdokumentation gewidmet - »Inspirated by Music« mit CALLE 54, Fernando Truebas Porträt der größten Musiker des Latino-Jazz, und Stefan Schwieterts berührend menschlichem Dokumentarfilm über den 93jährigen kolumbianischen Akkordeonspieler Pacho Rada: EL ACORDEÓN DEL DIABLO. Mit SAUDADE DO FUTURO (Saudade für die Zukunft) zeichnen Cesar und Marie-Clémence Paes ein buntes Bild der Musikkultur im brasilianischen Sao Paolo. Allerdings schafft es der Film nicht, tiefer als unter die eigene folkloristische Oberfläche zu blicken.

Lateinamerika, Portugal und Spanien waren in Karlovy Vary stark vertreten - im Wettbewerb stand der spanische Film EL JUEGO DE LUNA (Lunas Spiel). Ein Versuch der jungen Regisseurin Mónica Laguna, Spielsucht ohne den moralisierenden Zeigefinger darzustellen, dessen besondere Qualität in der schauspielerischen Leistung von Ana Torrent liegt. Der mexikanische Wettbewerbsbeitrag PERFUME DE VIOLETAS der 49jährigen Filmemacherin Maryse Sistachova zeigt sensibel, dramatisch und humorvoll die Beziehung zweier Schulfreundinnen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten und wird über die eigentliche Geschichte hinaus zur soziologischen und psychologischen Radiographie des urbanen Mexikos.

Mit 20 Filmen war Deutschland stark vertreten. Besonders beeindruckend war der Wettbewerbsbeitrag BIRTHDAY von Stefan Jäger. Eine einfache, mit bewegter Digitalkamera gestaltete Geschichte um vier Freunde, die gerade in ihrer schlichten Dimension die alltägliche Tragik vom Älterwerden, von Liebe und Verlust vermittelt und besonders durch das brillante Zusammenspiel der vier Schauspieler Bibiana Beglau, Tamara Simunovic, Harald Koch und Claudio Caiolo überzeugt.

Karlovy Vary ist von seiner Tradition her ein Fenster zum osteuropäischen, zum mitteleuropäischen, zum ex-jugoslawischen und zum ex-sowjetischen Film - hier hat das Festival allerdings in den letzten Jahren an Kontur verloren. Das wird besonders deutlich am tschechischen Film, der durch eine intensive, skurrile Vision des Alltäglichen bestach - dieses Jahr war das Panorama eher enttäuschend.

ANDEL EXIT (ANGEL EXIT), der tschechische Wettbewerbsbeitrag des 46jährigen Vladimir Michálek, erzählt mit digitaler Kamera von Drogen und Liebe, vom den Irrungen und Wirrungen des Drogenkochs Mikes zwischen Prag und Südafrika, einer Dreiecksbeziehung und dem Versuch zu einem normalen Leben zu finden - eine Romanadaption, verschlungen konstruiert und als filmische Erzählung langatmig und pretenziös. In der parallelen Werkschau des tschechischen Films überwog handwerklich solide TV-Hausmannskost und engagiertes Fernsehspiel.

Es zeigte sich im dokumentarischen Bereich eine fast lyrische Nachdenklichkeit mit dem Jahrtausendwechsel und den Umbrüchen der letzten Jahre etwa in PROROCI A BASNICI. KAPITOLY Z KALENDARE (ProPHeten und Dichter. Kalenderkapitel) von Ivan Vojnar. Nach dem Zusammenbruch der Ideologien bleibt die zeitliche Einheit, das unerbittliche Gesetz vom Lauf der Zeit die einzige bleibende gültige Wahrheit. Vom Niedergang und Zerfall der Weltanschauungen handelt auch CHICO der 50jährigen ungarischen Regisseurin Ibolya Fekete, ein ungarisch, deutsch, chilenisch, kroatischer Wettbewerbsbeitrag. Im komplizierten Geflecht der Koproduzenten spiegelt sich auch die komplexe Handlung wieder, die vom Europa des Holocaust nach Lateinamerika, in die Phase revolutionärer Euphorie hin zur Militärdiktatur Pinochets, und von da aus ins realsozialistische Ungarn und hinein in den jugoslawischen Bürgerkrieg führt. Dabei fehlt der ganzen Konstruktion, fast ein Familiensagakonstrukt aus einem Kolportageroman, die innere Geschlossenheit; sie verharrt allzu oft in einer postkommunistischen Larmoyanz und bei alledem fehlt besonders dem Hauptdarsteller die schauspielerische Fähigkeit, die Komplexität der Figur glaubwürdig zu vermitteln - der Regiepreis wurde hier wohl eher für ein großes Thema als für einen diesem Thema gerecht werdenden Film verliehen. Große Themen im postkommunistischen Raum - auch Regisseur Darko Bajic geht in dem jugoslawischen Wettbewerbsbeitrag RAT UZIVA (War Live) die großen Themen Krieg, Propaganda, Kunst und das Gewissen des Künstlers in einer Diktatur an. Dabei findet diese Film im Film-Geschichte vor dem Hintergrund der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien allerdings keine überzeugende Sprache - zwei Drittel lang erzählt er in komödiantischem Ton, um dann am Ende in eine überraschende Tragik zu fallen.

Ein eigenartiges Spiel um Traum und Wirklichkeit, um einen skurrilen Kontrast zwischen der barocken Vergangenheit der italienischen Renaissance und den Tücken des modernen Moskauer Alltags zeigt der russische Wettbewerbsbeitrag JADY ILI VSMNIRNAJA ISTOREIJA OTRAVLENIJ (Gift oder die Weltgeschichte des Vergiftens) von Karen Shakhnazarov. Jenseits der großen Themen zeigt der Film einen skurrilen Humor, wobei Traum und Tagebene bei aller visuellen Opulenz allerdings zusammenhangslos ineinander verwoben bleiben - gegenüber diesem fast schwülstigen Spaziergang zwischen dem Scheidungsdelirium Moskauer Kleinbürger und den Giftmordorgien der Papstfamilie Borgia wirkte der polnische Film CZESC TERESA (Hallo Teresa) um ein junges Mädchen in einer Plattenbausiedlung in seinem sozialem Realismus fast erfrischend schlicht und stringent. Die gelungene Balance zwischen Skurrilität, Poesie, zwischen Gefühl und Komik - früher oft ein Markenzeichen des osteuropäischen Films und in diesem Jahr nicht sichtbar - diese Mischung von frischer Erzählung und einer niemals larmoyanten sentimentalen Nostalgie fand sich dann allerdings im französischen Wettbewerbsbeitrag LE FABULEUX DESTIN DŽAMÉLIE POULIN: Jean-Pierre Jeaunets zweistündiges Montmarte-Märchen um die Kellnerin Amélie und den Passbildfetischisten Nino - ein Film der konkurrenzlos den Hauptpreis von Karlovy Vary, den Kristallglobus, mit nach Hause nahm.
 


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