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porträt / Ausgabe Nr.29 |
»Zu sein - und nicht zu spielen«Jugendliche auf dem Weg zu sich selbst. Davon erzählt Valeska Grisebach in ihrem Abschlussfilm Von Martina Jungfleisch |
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Nicole und Christopher kennen sich noch nicht lange, aber sie sind ein Paar. Zusammen streifen sie durch die Berliner Mitte, treffen sich mit anderen Kumpels aus dem Kiez oder hängen in der Disco ab. Mit dem Schulabschluss in der Tasche warten sie darauf, dass das Leben mit einer Lehrstelle ein neues Ziel erhält. Viel kann eigentlich nicht mehr passieren. Oder doch? MEIN STERN ist der Abschlussfilm der Wiener Filmhochschulstudentin Valeska Grisebach. Mit den Mitteln dokumentarischer und fiktiver Stilelemente gelingt ihr ein relativ unspektakulärer und unverstellter Blick auf das Leben von Ost-Berliner Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu, die zwischen Abwechslungssuche und biederer Angepasstheit einen Weg zu sich selbst erst noch finden müssen. Das Interview fand auf der 51. Berlinale der Internationalen Filmfestspiele statt. Dort hatte MEIN STERN im Forum des Jungen Films seine Premiere. MEIN STERN ist nominiert für den Nachwuchspreis »First Steps«, der am 30. August in Berlin vergeben wird. von Martina Jungfleisch   |
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Du bezeichnest Deinen Film als einen »dokumentarischen Spielfilm«. Was ist an Deinem Film dokumentarisch und was würdest Du als fiktiv bezeichnen? Es gab letztendlich kein Rezept für den Film. Jede Szene ist unterschiedlich entstanden. Es war gar nicht so, dass man sagen konnte: »Aha, es hat jetzt ganz gut funktioniert. Wir machen es jetzt immer so«. Sondern jede Szene hatte einen anderen Ursprung. Als ich die Jugendlichen kennen gelernt hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich ihnen Schutz gewähren muss. Mit 14, 15 Jahren hat man angefangen, sich zu entdecken, man spricht über sich selbst und ahnt Dinge aus sich heraus - für all das hatte ich das Gefühl, einen fiktiven Rahmen schaffen zu müssen. Die beiden Hauptdarsteller Nicole [Gläser] und Christopher [Schöps] sind nicht die Nicole und der Christopher, es ist nicht deren Geschichte, aber es gibt einen Punkt, wo die beiden sicherlich auch Dinge von sich wiedergefunden haben. Noch einmal zum Begriff: dokumentarischer Spielfilm. Bedeutet nicht jeder Kameraausschnitt bereits eine Zensur? Ich glaube, dass in jeder fiktiven Situation, in jeder Szene oder in jedem Film auch etwas dokumentarisches steckt oder stecken kann. Ich denke auch, dass im dokumentarischen etwas episches, spielerisches oder situatives sein kann. War das von Anfang an klar, dass Du mit Laien arbeiten würdest? Es gibt von mir aus eine bestimmte Vorliebe mit Laien zu arbeiten, wobei ich kein Gesetz daraus mache. Bei dem Projekt war es einfach klar, mit Laien zu arbeiten, weil es um das Alter von 14 und 15jährigen ging, und man einfach nur dankbar sein kann, dass eine 14jährige nicht schauspielert. Es gibt ein Moment des Seins, glaube ich, eine Art und Weise im Film zu sein und nicht zu spielen, zu sehr zu spielen, was ich im deutschen Kino oft vorfinde. Gerade bei Nicole hatte ich immer das Gefühl, dass sie etwas mit auf den Weg bekommen hat: Nicole hat einen ganz intuitiven Zugang zu sich selbst. Das habe ich an ihrem Spiel als sehr ungewöhnlich empfunden. Sie hat so etwas wie ein geheimes Wesen. Man kennt diese Berliner Jugendlichen, ich fand sie im Film sehr lebensecht dargestellt, genauso wie man sie auf den Fußballplätzen, auf den Straßen oder in den Einkaufspassagen beobachten kann - vor allem: wie sie miteinander umgehen - die rauhe Sprache dabei. Es sind ja eigentlich 14jährige, die schon sehr früh erwachsen sind. Mir war wichtig, dass man das, was man als dokumentarisch empfindet, also das, was erst einmal direkt da ist, dass man das in einen Filmrahmen setzt und den Jugendlichen damit eine Bühne schafft - »ausstellt« ist vielleicht das falsche Wort -, dass man ihr Zusammensein als eine allgemeine, alltägliche Situation empfindet. Was mir an Deinem Film gut gefallen hat, war, dass nichts kommentiert wird, was die Jugendlichen sagen, wie sie sich verhalten, dass das nicht begründet oder großartig erklärt wird. Das war für mich so ein dokumentarischer Effekt, wo ich dachte, das ist genauso wie in der Wirklichkeit - ein Fiction-Film hätte vielleicht versucht zu moralisieren... Mir war auch ganz wichtig, da keine Psychologie reinzupacken, sondern dass, ich sag einmal so, eine Oberfläche bleibt, in die man auch etwas reindenken kann. Und wie ist Dir das Milieu, aus dem die Jugendlichen kommen, selbst vertraut? Ich komme nicht aus Mitte. Mitte spielt jetzt auch nicht unbedingt die Hauptrolle in dem Film. Aber der Bezirk hat schon ziemlich viel zu tun mit dem Film. O.k., ich drehe mit Jugendlichen aus diesem Bezirk und ich wohne jetzt zwar hier, aber neben den Dreharbeiten war es für mich auch ein Kennenlernen von diesem Eck und von den Leuten hier. Und ich hab mich auch am Anfang immer gefragt: darf ich das überhaupt? Ich bin West-Berlinerin, darf ich jetzt diese Szenen so machen? Eigentlich habe ich bei dem Film versucht eine gewisse Form von vergessenem Lokalkolorit zu vermeiden, weil ich gedacht habe, das ist letztendlich nicht die Geschichte. Ich denke, dass sich »Mitte« über diese Jugendlichen miterzählt. Viele Filme, die versuchen das Arbeitermilieu zu porträtieren sind ein bisschen klischeehaft: der Vater ist Alkoholiker, die Mutter eine Hure und die Kinder hängen auf der Straße rum und nehmen Drogen etc. In Deinem Film wirkt das Milieu irgendwie bürgerlich... Ich kann gar nicht sagen, ob das Arbeitermilieu bürgerlicher geworden ist, weil ich das Gefühl habe, es steckt in jedem Milieu etwas ganz bürgerliches... Filmisch ist das Arbeitermilieu ein verführerisches Milieu. Ich glaube, dass man ganz schnell bei prototypischen Dingen ankommt, also gerade wie du sagst: Der Vater ist Alkoholiker usw. Das ist eine Sozialromantik. Letztendlich ist es eine Schablone, die sich über so ein Milieu legt und gar nicht der Realität entspricht. Die Jugendlichen im Film leben sehr stark in vorgefassten Rollenbildern - gerade, wenn es darum geht Gefühle zu zeigen. Da werden dann Sprüche geklopft wie »Ich liebe dich« oder »Ich schlag’ dich tot«. Sprechen die Kids so? Und warum? Ich hab ungefähr 300 Interviews gemacht mit Jugendlichen. Und ich fand es sehr erstaunlich, wie stark diese kollektiven Vorstellungen von denen sind, wie ein Mann oder eine Frau zu sein hat. Ich hatte immer das Gefühl, die sind noch nicht richtig geschlüpft oder leben wie unter einer Käseglocke. Das kann man jetzt nicht von jedem einzelnen sagen, aber ihre Vorstellungen von der Liebe sind manchmal auch unglaublich spießig oder materialistisch. Gerade als Jugendlichem wird einem ständig vermittelt - durch die Medien vorwiegend - dass Sexualität das einfachste und verfügbarste auf der Welt sei. Aber genau das ist es nicht. Wie gehen die Jugendlichen in Deinem Film mit der eigenen Sexualität und mit der des Partners um? Anscheinend leben sie auch darin sehr stark in Rollenbildern? Es gibt diese Konstellation, als Christopher wieder zu Nicole zurückkommt und sie zu ihm sagt: »Ich bring’ dich um, wenn du mich noch einmal verlässt«. Im Anschluss an diese Szene folgt die Einstellung, wo die beiden miteinander schlafen, und ab hier steht Sexualität sicherlich für etwas, wo man sich auf ein gefährliches Terrain begibt. Zum Teil gehen die Jugendlichen sehr direkt und authentisch auf Dinge zu, auch mit einer Form von Selbstbewusstsein, und gleichzeitig sind sie auch Sklaven dieser Bilder, wie etwas auszusehen hat. Ich glaube, all diese Mädchen und Jungen haben einfach total abgespeichert, wie etwas zu sein hat. Das hat mit Aussehen und vielen anderen Dingen zu tun - das ist ein großer Leistungsdruck, in jeglicher Hinsicht. Aber trotzdem: Ich hatte auch immer das Gefühl, dass sie neben all den Bildern zum Teil sehr umsichtig miteinander umgehen. Nicht nur, dass »Mein Stern« ein Schlagerlied ist, das im Film vorkommt - Dein Film heißt auch so. Was nicht nur im Lied anklingt, ist der etwas muffige Bezug zu den 50er Jahren: die deutsche Wohnstube, das rustikale und geordnete darin. Das schwingt auch immer in Deinem Film mit und passt irgendwie zum Milieu, aus dem die Kids kommen. Das freut mich, diese Assoziation, weil das sicherlich auch im Film drin steckt, die deutsche Wohnstube - eben dieses archetypische im Schlager, all diese Sätze, die einerseits so trügerisch sind, denen man aber auch erliegt, irgendwie wie »Immer bei dir sein«. Ich wusste nicht, dass so junge Leute noch deutschen Schlager hören. Ich dachte, das sei eine ganz andere Generation. Kannst Du Dir erklären, warum vom deutschen Film immer noch vom neuen deutschen Film gesprochen wird? Das ist komisch, dass man schon seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten vom neuen deutschen Film spricht - als würde man nie ankommen. Das hat wahrscheinlich mit einer Identitätssuche zu tun. Letztendlich finde ich, was im Mainstream passiert, oft relativ identitätslos. Ich habe auch das Gefühl, dass schon einmal eine Generation von Filmemachern da war, die viel spezieller versucht haben, etwas zu beschreiben. Kannst Du noch einmal etwas zur Recherchearbeit erzählen. Wie erhält man das Vertrauen von jungen Menschen? Ich habe Interviews organisiert, die gleichzeitig auch ein Casting waren. Das habe ich ein halbes Jahr gemacht, fünf Tage die Woche. Zwischendurch habe ich mich zurückgezogen und habe eine Art Drehbuch geschrieben, aber mit offenen Stellen. Es gab Szenenfolgen, die zum Teil mit Dialog waren, zum Teil ohne. Manche Dialoge haben wir beim Dreh fünf Minuten vorher entwickelt, manche habe ich den Darstellern erzählt, manche haben sie mir erzählt. Also es gab, wie ich vorher schon meinte, kein Rezept. Die Recherche war für mich einfach total wichtig. Ich könnte jetzt gar nicht konkret sagen, was dabei herausgekommen ist, aber es hat irgendetwas mit einer Stimmung oder mit einem Gefühl zu tun. Es hat mich auch immer wieder berührt, mit welcher Offenheit und Dringlichkeit die jungen Leute etwas erzählt haben. |
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